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Terrorgruppe


Teil I: Glaube, ewige Jugend und Schöpfungsprozess des Terrors

Wenn ich mich mal durch meine musikalischen Favoriten aus der kritischen Zeit als Teenager wühle, komme ich im wesentlichen zur Erkenntnis, dass nicht jede Musik gut altert. Manches war damals der richtige Kick für uns Pickel-Punks, hat aber im Nachhinein nicht die Substanz, mich noch heute zu begeistern. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass auch nach Jahrzehnten das Opus der TERRORGRUPPE genügend gute Ideen, Details und auch musikalisches Savoir Faire bereithält, als dass ich es noch genießen kann. Das wurde natürlich noch aktueller, als die Kreuzberger Punkrocker nach Jahrelanger Auszeit beschlossen, - hoppla! - wieder die Bühnen zu stürmen, und dabei zur Erleichterung vieler eine gute Figur abgaben. Auch, dass sie wieder neue Musik herstellen, wurde in diesem Fanzine schon gewürdigt, wobei die Band auf ihrer neuesten EP ganz offensichtlich wieder nur den Sound gespielt hat, auf die sie gerade Bock hat. Ist das noch Aggropop?

Die Gitarreros Johnny Bottrop und MC Motherfucker sowie Bassist Zip Schlitzer konterten gelassen alberne Fragen mit albernen Antworten, nahmen sich aber auch die Zeit, in aller Ruhe die eigene Musik und Geschichte zu reflektieren.

Teil II findet ihr hier.

Geschrieben von King Kraut am 29.09.2014, 14:10 Uhr


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MC Motherfucker: Alter, du bist ja ein haariger Kerl!

King Kraut: Allerdings.
Um dem Gespräch eine unnötige Seriosität zu verleihen, kann ich euch das „Sie“ anbieten?

MC Motherfucker: Das haben wir noch nie gemacht, können wir aber mal probieren.

King Kraut: Was sagen Sie dazu, dass im Internet Ihr Bandname als Suchbegriff vom „Islamischen Staat“ und Boko Haram in Beschlag genommen wird?

MC Motherfucker: Ich habe mich geärgert, dass die Leute die Oberhand gewonnen hatten, die uns unseren Namen geklaut haben – wir klagen auch immer noch gegen die. Jetzt ist aber wieder unsere Homepage ganz oben, wenn man danach googelt.
Zip Schlitzer: Was mich ja empört hat, war als ich die Überschriften gelesen habe: „Tausende demonstrieren gegen Terrorgruppe“.

King Kraut: Wie waren Ihre Ansprüche an ein gelungenes Comeback?

MC Motherfucker: Es ist nicht so, dass wir uns auf eine Bühne stellen und irgendwas abliefern wollen, mal schnell zocken. Wir waren immer eine sehr gute Liveband, glaube ich, und das wollten wir nach unserem Comeback wieder sein. Darum haben wir fast sieben Monate vor den Warmup-Shows im SO36 geprobt. Früher war das einfacher. Wenn du eine Band gründest, hast du erst mal 5, 6, 7 Songs, kannst gerade mal eine Viertel- oder halbe Stunde spielen. Da kommt das dann nacheinander, über die Jahre. Bis man dann mal ein längeres Set von über einer Stunde spielen kann, hat das natürlich gedauert.
Zip Schlitzer: Das was wir uns damals über die Jahre erspielt hatten, wollten wir jetzt abrufen und beim ersten Konzert gleich bringen. Das ist natürlich schwierig.
Johnny Bottrop: Nach 10 Jahren dann wieder von null auf hundertfünfzig zu kommen, das war schon anstrengend. Aber ich würde sagen, wir haben das gut gemacht.

King Kraut: Was ist für jeden von Ihnen anders geworden?

MC Motherfucker: Das ist eine körperliche Geschichte. Wir sind nach anderthalb Stunden Show unfassbar geschlaucht. Das hatte ich vor zehn Jahren auch, man muss aber sagen, damals haben wir zweieinhalb Stunden gespielt. Wenn du jetzt zum Beispiel gleich von Anfang an im Set Gas gibst, dann merkst du das nach einer halben Stunde ganz schnell, wie dir der Saft ausgeht.
Zip Schlitzer: Man muss besser haushalten mit solchen Sachen.
MC Motherfucker: Wie ein Marathonläufer, der es erst mal langsam angehen muss und dann am Schluss nochmal ein bisschen Gas geben kann. Das musste man erst wieder lernen.
Zip Schlitzer: Interessanterweise hat sich ja auch das Publikum geändert. Weil die ja immer noch so jung sind. Das können gar nicht dieselben sein wie früher.
Johnny Bottrop: Die waren alle noch gar nicht geboren, als wir die ersten Singles raus gebracht haben. Weil sie heute erst 18 oder 19 Jahre alt sind.
MC Motherfucker: Und was noch anders geworden ist: Viele der alten Fans, die damals schon da waren, haben jetzt einen richtigen Rauschebart bekommen. Es waren sehr viele bärtige Leute da.
Johnny Bottrop: Was ich total geil finde: alle älteren Leute, die zu unseren Konzerten gekommen sind, sind total zu tätowiert.
MC Motherfucker: Tätowierte, bärtige Fans.

King Kraut: Ich habe bemerkt, dass Sie Songs, die inhaltlich veraltet sind, weil sie sich auf bestimmte Personen oder Ereignisse Beziehen, live nicht gespielt haben. War das Absicht?

Alle drei: Ja.

King Kraut: Wird es neue Songs mit aktuellem Bezug geben?

Alle drei: Ja.
MC Motherfucker: Gibt es auch gerade, nämlich auf unserer Comeback-EP, wo vier Songs darauf sind, die alle einen aktuellen Bezug haben.

King Kraut: Was bewegt Sie dazu, immer wieder familiäre Beziehungen in Texten zu verarbeiten? „Inzest im Familiengrab“, „Opa“, „Tante Gerda“, „Schon immer so“, „Kinderwahnsinn“? Das ist ein immer wiederkehrendes Thema. Ist die TERRORGRUPPE eine Familienband?

Johnny Bottrop: Vielleicht liegt es daran, dass andere Bands sich immer nur mit der großen Welt- und Tagespolitik befassen. Wir haben es mehr mit der Politik im ganz ganz Kleinen.
MC Motherfucker: Wie eine Gesellschaft funktioniert siehst du immer daran, wie eine Familie funktioniert. Aus dieser kleinen Gesellschaft kannst du dann auf das große Ganze schließen. Das ist für uns wahrscheinlich viel einfacher. Man kann fassbarer über solche Geschehnisse schreiben und muss nicht populistisch oder sogar pathetisch dabei werden. Du kannst sagen, mein Opa war wirklich ein Arschloch, also darf ich darüber auch einen Text schreiben. Und viele andere Opas waren auch Arschlöcher. Zusammen waren diese Opas auch noch eine Wehrmacht, die ganz viel Mist gebaut hat, also halt mal bitte jetzt das Maul. So funktioniert ja „Opa“. Und „Kinderwahnsinn“ ist ein anderer Aspekt der Familienplanung und -politik.

Frank: Das Video zu „Inzest im Familiengrab“ haut ja auch in diese Bresche.

Zip Schlitzer: Das ist eine Art Punkrock-Version von „I Want to Break Free“ von Queen.
(Allgemeine Heiterkeit bei der Feststellung, in wessen Fahrwasser man sich bewegt)

King Kraut: Was kann nach der Abschaffung Jürgen Möllemanns und Deutschlands noch entsorgt werden?

Zip Schlitzer: Was abgeschafft werden müsste, ist der Zins.
MC Motherfucker: Da musst du aber zum Islam konvertieren. Und ab nach Irak, Zip Schlitzer! Also, ich unterstütze das.
Johnny Bottrop: Was?
MC Motherfucker: Im Islam gibt es keinen Zins.
Zip Schlitzer: Deswegen bringen die sich immer gleich gegenseitig um.
Johnny Bottrop: Also, ganz ohne Zinsen scheint es auch nicht zu gehen. Wenn wir statt für unsere Mieten abzuschinden uns immer alle gleich gegenseitig umbringen würden... Ob das wirklich etwas damit zu tun hat, dass die Islam-Anhänger keine Zinsen nehmen dürfen, müsste man mal untersuchen.
Zip Schlitzer: Jetzt stelle ich meine eigene Forderung ein Bisschen in Frage. Wenn das damit zusammenhängt, dann bin ich natürlich für den Zins. Da rudere ich jetzt erst einmal wieder ein Bisschen zurück.
Johnny Bottrop: Der Wirtschaftsweise Zip Schlitzer rudert zurück!

King Kraut: Sie erwähnen im Text des Songs „Na Endlich!“ Helmut Kohl, fehlt er Ihnen als liebgewonnenes Feindbild?

MC Motherfucker: Nein, er fehlt nicht, er ist ja immer noch da. Und die Auswirkungen seiner Politik spürt man immer noch. Angela Merkel ist ja der „Helmut Kohl of Today“.
Johnny Bottrop: Das ist wirklich so. Die hat sich viel bei ihm abgeguckt. Aussitzen, nichts sagen...
MC Motherfucker: Saumagen essen.

King Kraut: Diese Information lag mir bisher nicht vor.

MC Motherfucker: Die isst jeden Tag ihren Saumagen, glaub mir. Heimlich.
Zip Schlitzer: Als Webkonferenz. Mit Helmut zusammen.

King Kraut: Sie spielen im gleichen Song auf Sarrazin und Berlusconi an, die nun auch schon seit ihren größten Ausfällen einige Jahre weg vom Fenster sind. Gehen der Terrorgruppe die Feindbilder aus?

Johnny Bottrop: Das Lied kommt in dieser Hinsicht tatsächlich ein bisschen spät. Aber nach Sarazzin steht der nächste Populist schon in den Startlöchern, hat schon sein Buch geschrieben und wird es dann im Oktober auf der Buchmesse vorstellen.
Zip Schlitzer: Und dann sind wir schneller. Dann brauchen wir nur die Namen auszutauschen.
Johnny Bottrop: Wir finden das ja gut, dass der Sarazzin im Moment abschmiert. Er hat dermassen rechte Thesen zur Erblichkeit und zur Genetik von in Berlin lebender Ausländern geäußert, ein SS-Arzt würde das genauso sagen wie er.

King Kraut: Gibt es etwas, von dem Sie sagen, das wollen wir in unserer Musik erreichen?

MC Motherfucker: Ich denke, das Streben einer jeden Band, egal, was man für Musik macht, ist immer, den perfekten Song zu schreiben. Der sofort in jeden Kopf reinkriecht und da sitzen bleibt, der seine Wirkung zu 100% entfaltet.
Zip Schlitzer: Bei mir ist das schon beim Musik hören so, dass ich irgendwann aufgehört habe, nur nach Musikstilen zu suchen, sondern nur nach perfekten Songs. Egal, aus welchem Genre die jetzt kommen. Man hört einen Song, und der ist besonders gut, oder eben nicht.
Johnny Bottrop: Zum Glück sind wir nicht so beschränkt auf einen Stil wie andere Bands. Da haben wir eine größere Breite.
Zip Schlitzer: Früher hatten wir auch Bläser und solche Sachen. Deswegen haben wir gleich von vornherein versucht, eine Orgel fest einzubauen.
MC Motherfucker: Du hast dann plötzlich eine andere Sound-Ästhetik, mit der du auch anders spielen kannst. Zum Beispiel ist ein Grundkonzept bei dieser EP und neueren Songs, mehr 60ies-Trash und Vor-Punk Elemente reinzubringen.
Zip Schlitzer: Wenn wir neue Ideen ausarbeiten, weiß man ja nie, wie sie letzten Endes klingen werden.
MC Motherfucker: Zumal wir nach diesen zehn Jahren Pause da auch ganz anders herangehen. Bei der letzten Platte, die wir gemacht haben, „Fundamental“, kann ich mich noch daran erinnern, dass der Kokon, in dem wir waren, sehr eng wurde. Unterbewusst achtet man schon darauf, was Hörer von einem erwarten und man hält sich blöderweise auch oft daran. Das war jetzt nach zehn Jahren überhaupt nicht so. Da hatten wir diesen ganzen Ballast nicht, und das war sehr wohltuend.

King Kraut: Gibt es jetzt durch die Orgel die Chance, live bestimmte TERRORGRUPPE-Stücke zu hören, die vorher so nicht umzusetzen waren, gerade aus Ihrem Katalog an alten Songs?

MC Motherfucker: Wir reflektieren gerade unsere Konzerte von diesem Sommer. Zum Beispiel: Die Nummer „Arbeit sein muss bleibt“, die wir vorher eher sporadisch gespielt haben, war den ganzen Sommer fest im Programm, weil sie durch die Orgel eine ganz andere Stimmung bekommen hat. Und uns so auch wieder besser gefallen hat.
Auch die Nummer „Keiner hilft euch“. Dadurch, dass Eros Razorblade Saxophon spielt, konnte man die wieder in die Richtung der Platten-Aufnahme spielen. Vorher war die live ja eher eine Punk-Nummer mit Offbeat.
Johnny Bottrop: Bei dem Stück „Amerika“ ist auf der Studio-Aufnahme immer eine total geile dritte Feedback-Gitarre drauf. Das könnte man jetzt auch mit der Orgel spielen. Oder „Ultimatives Liebeslied“. Da könnte Eros Razorblade sogar die zweite Stimme machen, weil er so eine hohe Stimme hat.
MC Motherfucker: Das war ein sehr aufwändiges Gesangsarrangement.
Johnny Bottrop: Das war sehr schwer live zu spielen. Das haben wir nur ein einziges mal gemacht.
Zip Schlitzer: Also mehr B-Seiten jetzt.
MC Motherfucker: Nee, aber das werden wir nie machen. Das wäre ein bisschen doof, die Leute warten ja schon auf die Hits, die ihnen wichtig sind. Live musst du bestimmte Songs immer als Höhepunkt im Set lassen.

Frank: Wie ist das bei Euch, wenn ihr einen Text habt, aber noch nicht wisst, wie die Musik gemacht wird?

MC Motherfucker: Das wird ausprobiert. Das hast du auf der CD gesehen, die der DVD beiliegt: Es gibt einige Texte, die vorher eine andere Musik hatten.
Zip Schlitzer: „Allein gegen Alle“ zum Beispiel. Obwohl gerade ich ja bei dem Song überstimmt wurde. Ich hätte die Originalversion musikalisch besser gefunden.

King Kraut: Ist die Terrorgruppe eine demokratische Band?

MC Motherfucker: Nee.

King Kraut: Welche interne Regierungsform haben Sie?

Johnny Bottrop: Wir sind eine kooperative Diktatur.
MC Motherfucker: Ich bin prinzipiell der Meinung, dass basisdemokratische Bands nicht effektiv funktionieren können. Vernünftige Entscheidungen werden zu oft durch den Schwarm überstimmt. Bei uns läuft es immer so, dass derjenige, der das beste Argument hat – egal, ob es dem anderen passt oder nicht – sich durchsetzt.
Zip Schlitzer: Ich kenne das von anderen Bands, dass wer den Song schreibt, am Ende das Vetorecht hat. Wenn er sagt, die Version will ich jetzt nicht, dann wird die auch nicht genommen.
MC Motherfucker: Das ist auch eine vernünftige Entscheidung. Aber bei uns gibt es ganz klar verschiedene Aufgaben.
Johnny Bottrop ist der Theologe der Band. Er weiß ziemlich genau, was der Band stilistisch gut tut oder nicht, deshalb hört jeder zweimal hin, wenn er etwas in diese Richtung beurteilt.
Johnny Bottrop: MC Motherfucker ist der einzige richtige Musiker in der Band und Produzent. Wenn er sagt: „Der Ton ist schief“, dann stimmt es meistens auch.
MC Motherfucker: Oder wenn ein Ton schief ist und ich sage, das ist scheißegal, dann stimmt das meistens auch.
Der Herr Schlitzer ist eher ein letzter Selektierer. Wenn Johnny Bottrop und ich uns zu zweit etwas zusammen mauscheln und Zip Schlitzer kommt überhaupt nicht darauf klar, dann hören wir meist auch noch zweimal hin. Man kann sich oftmals vertun.
Johnny Bottrop: Eros Razorblade wiederum ist der Mann für das gewisse Detail. Wenn wir sagen, „Fertig, super!“, sagt er, nein, da kann noch ein Halbton nach oben, da kann noch eine Stimme...
MC Motherfucker: Kid Katze ist halt der Drummer. Aber ein sehr guter, er macht wenig Fehler.
Zip Schlitzer: Und sehr vielseitig. Wenn man ihm sagt, er soll das einfach mal ein oder zwei Beats langsamer spielen, dann macht er das. Wirklich nur den kleinen Tick, und dann spielt er das auch straight so und bleibt dabei. Es gibt wirklich nicht viele Drummer, die das können.

Fortsetzung hier.

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