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TALCO

08.04.2013

Das Interview mit TALCO stand für mich unter keinem guten Stern. Es hätte alles so gut sein können. Der Termin für das Interview vor ihrem Gig in Berlin im Astra am 22.03.2013 war vereinbart, da hat auch alles geklappt. Die Band hat sich Zeit für die Fragen genommen und mein Diktiergerät zeichnete brav auf. Am nächsten Tag zeigte mein Diktiergerät zwar die Aufzeichnung an, jedoch lies sie sich nicht abspielen. So war das Interview im Nirvana verschwunden und ich hatte schlechte Laune.

Die Band war aber so freundlich, mir meine Fragen nochmals per Mail zu beantworten.

Den Bericht des Konzertes bei ramtatta.de, kannst du hier nachlesen:

http://www.ramtatta.de/konzertberichte,id-144.html


Geschrieben von Frank am 09.04.2013, 00:00 Uhr


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F:         Euer neues Album ”Gran Gala” beschreibt schonungslos ehrlich die Situation in Italien. Warum habt ihr euch entschlossen die Situation so schonungslos darzustellen?

T:         Um ehrlich zu sein, wollten wir ein Album über ”Berlusconism” aufnehmen, weil wir gehofft hatten, dass die Ära Berlusconi vorbei ist. Leider ist unsere Hoffnung aufgrund der Ignoranz des italienischen Volkes nicht in Erfüllung gegangen.

Mit dem Begriff ”Berlusconism” meinen wir nicht nur die letzten 18 Jahre, die von einer schlechten Regierung in Italien geprägt waren, sondern generell die ignorante und populistische Mentalität die sowohl dem rechten als auch dem linken politischen Lager inne wohnt.

Diese Mentalität, die in der Politik gelebt wird hat ihren Ursprung vor mehr als 30 Jahren, als Berlusconi angefangen hat, immer mehr Macht über die Nachrichten und die Medien zu gewinnen. Dadurch hat er Stück für Stück über die Medien sein unmoralisches und belangloses Programm verbreiten können und so die Mentalität der Bevölkerung in Italien mehr und mehr beeinflusst.

Ein sehr bekannter italienischer Regisseur, Mario Monicelli, hat mal gesagt, dass die Italiener sich gerne Leute auswählen, die für sie denken. Personen, wie Berlusconi, Mussolini oder Bettino Craxi ( Anm. d. Verfassers, u.a. 1983-1987 Ministerpräsident Italiens, erlaubte u.a. Berlusconi mehr als einen privaten Fernsehkanal zu betreiben, was bis dato gesetzlich nicht möglich war), die als sie die Macht verloren haben, so taten, als ob sie für das Geschehene nicht verantwortlich wären. Monicellis Worte sind so wahr.

Nun sind wir in einer gefährlichen Situation. Die alten Politiker, die in den letzten Jahren an der Macht waren, haben das Land ruiniert und es nach ihren Interessen ausgebeutet. Demgegenüber stehen die sogenannten ”neuen Politiker”, die in unseren Augen mindestens so gefährlich wie die alten Politiker sind. Es ist eine Situation, die der im Jahre 1919 ähnelt. Das war die Periode von ”Fasci Di Combattimento” als eine Gruppe von Menschen, die Kritik und Widerrede nicht zugelassen haben, nach Rom marschiert sind, dort viele Unterstützer gefunden haben und Italien eine 20 Jahre dauernde, beschämende Diktatur gebracht haben.

F:         Wie kommt euer neues Album”Gran Gala” in Italien an?

T:         Wir sind sehr viel unterwegs und spielen größtenteils außerhalb Italiens.

Wir kümmern uns nicht darum, wie wir in Italien ankommen. Wenn wir darüber nachdenken und darüber wie es diesem Land ergangen ist und wahrscheinlich auch weitherin ergehen wird, frustriert uns das nur noch mehr.

Italien war immer schon in zwei Lager geteilt.

Ein Lager ist antifaschistisch, sieht den Kampf für ein sozialeren Staat als wichtig an und ist gegen die Mafia.

Dem anderen Lager gehören Menschen an denen das alles egal ist oder die generell gegen das sind, was das erstgenannte Lager durchsetzen möchte.

Es ist für uns schön zu sehen, dass die Leute aus dem erstgenannten Lager zu unseren Konzerten kommen und sich mit unseren Texten und unserer Einstellung identifizieren können. Wir sind ein Großteil des Jahres unterwegs und kommen viel mit anderen Menschen und anderen Kulturen in Kontakt, so dass wir recht weit weg von den Italienern und ihrer speziellen Mentalität sind.

F:         Eure Videos zu den Songs von ”Gran Gala”, z.B. ”Danza dell´autunno Rosa” geben einen großen Interpretationsspielraum. Warum habt Ihr euch entschieden einen großen Interpretationsspielraum zu geben ohne ein klares Statement zu machen?

T:         Wir finden es gut, wenn wir Interpretationsmöglichkeiten geben können. In unseren Videos und in unseren Songs nutzen wir gerne Metaphern.

Die Themen über die wir singen sind sehr vielschichtig und nicht durch eine Maßnahme oder eine Änderung lösbar. Wir möchten mit unseren Veröffentlichungen erreichen, dass die Leute miteinander über diese Themen sprechen und Lösungen gemeinsam finden.

Als Bespiel passt der Song “Danza dell’Autunno Rosa” sehr gut. Es geht in diesem Song um die institutionellen Linken, die sich der Masse anbiedern um wieder zu erstarken.

Natürlich ist das eine Thematik, die nicht nur die Linken sondern generell die Parteien in Italien betrifft. Es geht auch um die mafiöse Mentalität, dass man zuerst seine eigenen Interessen durchsetzen will auf Kosten anderer.

F:         In Deutschland verstehen viele Menschen nicht warum so viele Italiener zum dritten Mal Berlusconi gewählt haben. Könnt Ihr das erklären?

T:         Viele Italiener haben Berlusconi gewählt weil sie einfach ignorant und dumm sind. Es hat aber auch mit der medialen Beeinflussung und der gezielten Verbreitung von falschen Informationen zu tun, die in Italien leider weit verbreitet ist.

Diese Taktik nutzt auch die Partei “Movimento 5 Stelle“ (Anm. d. Verf.: die Partei von Beppe Grillo). Das sind auch nur Sprücheklopfer, die es geschafft haben einige Leute zu beeindrucken.

Es ist in Italien z.B. nicht bekannt, dass Berlusconi 2003 dem SPD Politiker Martin Schulz im Europaparlament gesagt hat, er solle einen Kapo in einem KZ-Film darstellen, der in Italien spielt. Diese Antwort gab Berlusconi, als Schulz im vorwarf durch seine Politikertätigkeit und den Besitz von Fernsehsendern einen Interessenkonflikt zu haben.

Für die Italiener, die Berlusconi wählen und gewählt haben, ist jeder ein Kommunist der gegen Berlusconi ist. Es gibt viel zu viele Italiener, die in Berlusconi einen Gönner und Wohltäter sehen. Es ist zum verzweifeln.

F:         Habt Ihr Hoffnung, dass in Italien bessere Tage anbrechen können?

T:         Wenn ich mir die Ergebnisse der letzten Wahl anschaue und sehe wie Beppe Grillo, eine neuer Berlusconi, an Popularität gewinnt und in Anbetracht der Tatsache, dass die Menschen sich aufgrund ihres eigenen Unvermögens selbst belügen, habe ich keine Hoffnung auf bessere Tage in Italien.

 

F:         Wie wird in Italien im Jahr 2023 aussehen?

T:         Italien wird von einem neuen Populisten regiert werden, der der Bevölkerung Gold verspricht, aber nur für seine Interessen arbeitet und das Land weiter ruinieren wird. Das war in der Vergangenheit so und wir sehen keine Veränderung für die Zukunft.

F:         Wie kommt Ihr mit eurem Erfolg zurecht?

T:         Wir haben seit Gründung der Band im Ausland gespielt. Das ist ein großer Vorteil, denn wir haben und mit dem wir sehr glücklich sind. Wären wir nur in Italien geblieben und hätten dort versucht bekannter zu werden, hätten wir uns vor acht Jahren auflösen können (Anm. d. Verfassers: TALCO haben sich 2000 / 2001 gegründet). Wir haben von Anfang an hart an uns und an der Band gearbeitet. Wir haben sicherlich Glück gehabt und sind sehr froh, dass wir Dank unserer Fans Stück für Stück bekannter wurden.

Es hört sich ein bisschen seltsam an, aber wir denken, dass wir auch aufgrund unserer harten Arbeit immer bekannter geworden sind. Es ist somit schon komisch, wenn man von der Leistungsgesellschaft profitiert, obwohl man eigentlich gegen sie ist. Durch unseren Erfolg können wir unsere Vorstellungen und unsere Ideen verwirklich und diese leben. Das ist für uns neu. Viele Bands in Italien verstehen das nicht.

Wir erinnern uns oft an den Auftritt 2005 im S.O. 36 in Berlin im Rahmen des “Punk-Italia-Festivals“. Da hat für uns alles angefangen. Bei diesem Festival haben viele gute und sehr bekannte Bands aus Italien gespielt. Die Bands waren in Italien sehr bekannt und haben sich gefragt, warum eine Band wie TALCO dort spielt, da TALCO bei diesem Festival die einzige Band war, die in Italien noch nicht bekannt war und nicht zu den italienischen old-school Bands gehörte.

An diesem Abend haben wir gezeigt, dass es nicht wichtig ist welche Leute du kennst als Band, sondern was du auf der Bühne machst.

Wir bedanken uns bei allen Fans und Freunden, die uns von Anfang an begleitet haben und uns zu dem gemacht haben, was wir heute sind.

F:         Auf eurer Website können Fans für die Songs abstimmen, die ihr live dann spielen werdet. Warum macht Ihr das?

 

T:         Nun, die Leute kommen zu unseren Konzerten und möchten gerne ihre Lieblingssongs hören. Warum sollen wir ihnen nicht die Möglichkeit geben, für Songs zu stimmen, die sie gerne hören wollen? Dann freuen sie sich noch mehr. Wir können somit auch den Geschmack unserer Fans kennenlernen. Uns ist eine enge Bindung und ein enger Kontakt zu unseren Fans sehr wichtig.

F:         Mit welcher Band würdet Ihr gerne auf Tour gehen?

T:         Manu Chao! Wir haben die Band das letzte Mal 2001 auf einem Ska-Punk-Festival in Bologna gesehen. Als Manu Chao auftraten haben wir festgestellt, dass es genau die Musik ist, die wir selber gerne spielen wollen würden.

F:         Ihr habt viele Fans außerhalb von Italien. Habt Ihr schon mal drüber nachgedacht ein Album mit englischen Texten aufzunehmen?

T:         Nein. Wir denken, dass es wichtig ist Texte in der Sprache zu schreiben, die man kennt, spricht und beherrscht. Nur in dieser Sprache kannst du deine Gedanken und Gefühle wirklich ausdrücken. Die italienische Sprache eignet sich sehr gut für Liedtexte. Wir denken, dass es keinen Sinn macht einen Text in der Muttersprache zu schreiben und diesen dann mühevoll in eine andere Sprache zu übersetzen.

F:         Kennt Ihr den Film “Das Venedig-Prinzip“? In diesem Dokumentarfilm wird aufgezeigt, wie schwer es die Bewohner der Stadt im täglichen Leben haben, weil immer mehr wichtige Infrastruktur wegfällt (Ärzte, Krankenhäuser, Schulen etc.), die Preise explodieren (sowohl für Lebensmittel als auch für Wohnraum) und die Stadt mehr und mehr zu einem Freilichtmuseum für Touristen mutiert.

T:         Venedig ist eine besondere Stadt. Es stimmt, dass diese Stadt extrem teuer ist. Man kann manchmal kaum glauben, wie teuer. Es stimmt aber auch, dass die Bewohner eine Gemeinschaft bilden, die so provinziell und eingeschränkt ist, wie sonst nirgendwo an der italienischen Küste.

Venedig bietet den Touristen unglaublich viel. Venedig ist eine der schönsten Städte der Welt, jedoch ist es als Einwohner von Venedig sehr schwierig dort zu leben. Venedig schafft es, den Bewohnern eine ganz eigene Mentalität zu geben und Venedig ist eine Insel! Die Bevölkerungen von Inseln sind immer speziell.

F:         Ihr kommt aus Marghera. Marghera ist eine Industriestadt. Wie ist die politische und soziale Situation dort?

T:         Marghera ist vor allem dadurch bekannt, dass dort 160 Arbeiter gestorben sind, weil sie jahrelang der giftigen Substanz Vinylchloride ausgesetzt waren. Die Todesfälle haben bis jetzt nichts bewirkt. Es setzt allerdings momentan auf politischer Ebene ein Umdenken ein, so dass die Situation für die Arbeiter in den Fabriken hoffentlich in Zukunft etwas besser werden wird. Allerdings mussten für dieses Umdenken 160 Arbeiter sterben.

Irgendwas in den Moralvorstellungen der Politiker muss sehr verrottet sein.

F:         Ihr sagt, Berlin eure zweite Heimat. Sind so viele Italiener hier, dass Ihr euch wie zu Hause fühlt oder woran liegt das?

T:         Wir sehen Berlin sogar als unser erstes zu Hause an! Es liegt daran, dass wir Berlin so dankbar sind. Wir wurden in Berlin immer gut aufgenommen, haben viele tolle Menschen kennen gelernt, die in Berlin leben und fühlen uns hier rundum wohl. Berlin war für uns immer eine Stadt, die uns unterstützt und zu dem gemacht hat, was wir heute sind.

Es fing im Jahre 2005 an. Bis dahin haben wir pro Jahr eine handvoll Konzerte gespielt. 2005 hat uns Mauro (Anm. d. Verfassers: Mitinitiator des “Punk-Italia-Festivals“)

angeboten auf dem “Punk-Italia-Festival“ zu spielen. Ab da ging es für uns aufwärts. 2007 hat unsere Manager Kai von “Muttis Booking“ angefangen, mit uns auf einem Level zu arbeiten, dass wir nie für möglich gehalten haben. Einige Zeit später kam dann das Angebot von “Destiny Records“ unsere zukünftigen Album zu produzieren und diese zu promoten. All das sind Berliner!

F:         Ihr seid große Fans des FC St. Pauli. Gibt es in Italien Fußballklubs wie den FC St. Pauli? Wie ist die Fußball-Fanszene in Italien?

T:         Es gibt keinen linken Fußballclub wie den FC St. Pauli in Italien und auch keine Fans die so sind, wie die vom FC St. Pauli. Es gab mal eine linke Fanbewegung, die “Fossa dei Leoni“, aber diese existiert nicht mehr.

Fußballfans in Italien sind alle extrem rechts orientiert. Besonders die Fans von Hellas Verona, Inter Mailand und Lazio Rom.

Die meisten linken Fußballfans in Italien hat der AS Livorno Calcio. Das ist ein Team aus der Serie B (Zweite Liga), die vielleicht aufsteigen und im nächsten Jahr dann in der Serie A spielen werden.

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