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FRIEDEMANN


Vor sieben Jahren hat Friedemann seine erste Solo-Platte veröffentlicht.

Der Sänger der Rügener Trashrock-Band COR hat mit seiner Solo-Platte die leisen Töne angeschlagen. Das hat Friedemann und vielen Menschen so gut gefallen, dass weitere Platten veröffentlicht worden sind. Die Fangemeinde ist nach und nach immer größer geworden, was sich besonders bei den Konzerten immer wieder zeigt.

Friedemann ist aber nicht nur Musiker. Er ist auch Tätowierer, Landwirt und Vater. Er ist jemand der sich viele Gedanken macht zum Weltgeschehen im Großen wie im Kleinen. Dabei ist Friedemann keineswegs verkopft. Er sagt gerade heraus was er denkt und was er fühlt. Diese Ehrlichkeit zeigt, dass jeder Künstler, in erster Linie ein Mensch ist.

Zu seinem mittlerweile siebten Album, welches am 16.04.2021 erschienen ist, war Friedemann so freundlich mir einige Fragen zu beantworten. Das Album stand natürlich im Fokus. Wir unterhielten uns aber auch über die momentane Situation und was diese uns allen bringen kann, vielleicht sogar bringen wird.

Die Review des aktuellen Albums "In der Gegenwart der Vergangenheit" ist hier zu lesen:
https://www.ramtatta.de/s/reviews/f/details/id/8869/


Geschrieben von Frank am 18.04.2021, 16:05 Uhr


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Frank: “In der Gegenwart in der Vergangenheit“ ist der Titel deines neuen Albums. Was möchtest du mit dem Titel ausdrücken?

Friedemann: Mein Vater ist vor ein paar Tagen gestorben, deshalb hat der Titel für mich jetzt eine ganz andere Bedeutung. Morgen wird er beerdigt und übermorgen kommt die Platte raus.
Auch ich werde dann noch mehr in der Gegenwart der Vergangenheit leben.
Den Albumtitel beziehe ich auf die Familiengeschichte die hinter einem liegt, ob die jetzt immer gut war oder nicht, das steht auf einem anderen Blatt, aber Familie ist immer bei uns. Familie hat uns geprägt.
Wir haben immer den Hauch der Vergangenheit um uns herum. Das gilt auch für die Gesellschaft. Wir müssen aus der Vergangenheit lernen und im besten Fall unsere Lehren daraus ziehen. Im schlimmsten Fall hören wir nicht zu und machen die selbe Scheiße die die Leute schon tausend Mal vorher gemacht haben. Ich glaube, alles was wir tun und alles was wir machen...das ist einfach...das liegt in der Sache der Dinge, beeinflusst von unseren Vorfahren, von unserer eigenen Lebensvergangenheit. Unsere Erfahrungen basieren darauf. Die große Hoffnung ist, dass wir so lernfähig sind...oder lernfähiger sind, als das momentan den Anschein hat, um aus der Vergangenheit seine Schlüsse zu ziehen.

Frank: Siehst du das Erbe der Vergangenheit eher als Belastung oder als Basis auf die du aufbauen kannst?

Friedemann: Teils, teils. Das steht für mich momentan alles im Einfluss zum Verlust des Vaters. Wir hatten ein sehr schwieriges Verhältnis, was mich viele Jahre auch gequält hat. Von daher war es für mich eine Belastung.
Auf der anderen Seite, ist ja nicht immer alles schlecht. Viele Dinge die man gelernt und über die Zeit mitgenommen hat, viele Dinge die man jetzt auch verstanden hat und die man mit einem jungen Herzen einfach noch nicht verstanden hat, die haben mich natürlich auch weiter gebracht.
Für mich ist die Vergangenheit so wie das Jetzt und wie das Morgen ein Teil meines Lebens. Ich probiere das in Einklang zu kriegen und jede Zeit auch wahrzunehmen.
Die Wahrheit liegt in der Mitte.
Die Vergangenheit ist teils Belastung, teils Verantwortung und teils Stütze für das Leben.

Frank: Ich finde den ersten Song vom neuen Album, “Das Sammeln von Licht“, sehr stark. Der Song verbindet Hoffnung, Sehnsucht und Traurigkeit miteinander. Für mich ist über allem noch so ein Schleier von Schwermut. Wie ist der Text entstanden und was hast du beim Schreiben des Textes empfunden?

Friedemann: Es ist ein Lied über die Vergangenheit und über Verlust. Der Text
hinterfragt das Leben. Er soll uns motivieren, die Alten zu fragen.
Wir haben doch früher Träume gehabt und Ihr habt immer gesagt, das es nicht funktioniert. Wir haben unsere Träume doch aufgeschrieben. Nur weil Ihr dachtet, dass es für uns (junge Menschen) nicht gut ist, habt ihr die Blätter im Schrank verschlossen.
Er muss doch noch da sein, der Korb, mit dem wir losgezogen sind und all die verrückten Sachen gemacht haben, wie das Licht zu sammeln.
Als Kind glaubst du daran und es funktioniert. Als Erwachsener verlierst du den Glauben an die unmöglichen Dinge. Das Lied handelt auch davon.
Als wir Jugendliche waren, da wollten wir die Welt aus den Angeln heben! Das machen Jugendliche. Das ist ganz normal. Wir hatten einen großen Freundeskreis und alles erschien uns möglich. Wir werden nicht wie die Alten, das war ganz klar. Die Sorgen der Alten, die gehen uns nichts an.
Wir machen alles besser. Wir erziehen natürlich auch unsere Kinder anders.
Dann kommst du irgendwann in diese Tretmühle und fängst an, diese Illusion zu verlieren.
Das ist der tägliche Kampf. Das Lied ist auch eine Erinnerung für mich.
Ich möchte mich selber auch in die Pflicht nehmen, um den Kids eine gute Erinnerung an ihre Kindheit zu hinterlassen.
Ich möchte mich nicht dabei erwischen lassen, meinen Kindern zu sagen:
“Nö, das funktioniert nicht. Das ist scheiße!“.
Die Träume, die man als Jugendlicher hatte....die können nicht alle falsch gewesen sein. Das glaube ich nicht!
Die Träume sind auch nicht alle falsch! Da sind viele richtig gute, viele schöne Sachen dabei gewesen, die muss man nur bewahren und weiter tragen.

Frank: Ich denke auch, das ist sehr wichtig. Sonst resigniert man und verbittert.  Bei “Sonnensucher“ habe ich ein ähnliches Gefühl.  Auf der einen Seite, die Vereinsamung der Gesellschaft und auf der anderen Seite Versagensängste und die Gefahr aus Angst vor dem Versagen in eine Starre zu verfallen und nichts mehr zu tun. Siehst du das ähnlich oder bin ich da auf dem falschen Dampfer?

Friedemann: Du bist auf einem guten Dampfer! Den Text und deine Gedanken kann man auch auf die Zeit gut münzen. Jetzt zu Zeiten von Corona meckern und heulen mir zu viele Leute.
Klar, ist das eine schwierige Zeit. Auch für uns. Wir sind doppelt betroffen, als Tätowierer und Musiker. Aber, ganz ehrlich, wir sind wahnsinnig auf der Haben-Seite. Das sollte man nie vergessen!
Als Musiker, als Band will man immer mehr Platten verkaufen und die Konzerte sollen größer werden und die Festivals. Aber eigentlich ist das Schöne schon da!
Du stehst im prallen Sonnenschein und suchst die Sonne.
Wir sollten alle zufriedener sein, mit den Dingen die wir haben.
Wenn wir dann mal unzufrieden sind, sollten wir in Ruhe durchatmen, einen Schritt zurück gehen und das Glück genießen, das wir haben. Das weiß auch jeder. Das Lied ist noch mal eine Erinnerung daran, dass die Sonne scheint.

Frank: Im Vergleich zu uns geht es den Menschen in vielen Ländern in dieser Zeit viel schlechter. Bei uns gibt es Corona-Hilfen, auch wenn die nicht immer ausreichend sind, aber so was gibt es in vielen Ländern gar nicht.

Friedemann: Ich sag mal so, wir haben einen Teil der Hilfen noch gar nicht bekommen. Das kotzt mich an, weil wir drei Kinder haben, zwei Pflegekinder und ein eigenes Kind, aber die werden irgendwann kommen und dann geht es weiter.
Es geht jetzt auch weiter. Ich muss mehr selber machen, aber ich kann mich doch nicht hinsetzen und sagen “Der Staat muss mir helfen“.
Das sehe ich auch bei vielen Punkrockbands, die sagen auch “Der Staat muss uns helfen“. Der Staat muß´nen Scheiß!
Ich finde den Staat nicht o.k.! Immer noch nicht.
Ich kann mich doch nicht hinstellen und sagen “Du musst mir helfen“, obwohl ich diesen Staat verabscheue.
Ich glaube, da müssen wir zu mehr Eigenständigkeit zurückkommen.
Die Politik kann nicht immer alles lösen und alles regeln.
Man muss auch in der Lage sein, wenn ein Problem auftritt, das selber anzupacken. Diese Einstellung fehlt mir, in vielen Bereichen, ob das Subkultur ist oder die normale Gesellschaft. Es macht mich teilweise wütend und teilweise traurig zu sehen, wie unselbstständig viele Leute sind.
Ich möchte aus meiner eigenen Kraft Dinge schaffen, auch wenn die Zeiten schlecht sind.
Meine Kraft ist noch da. Warum soll ich das alles, an was ich früher geglaubt und gedacht habe über den Jordan schmeißen?
Es wird sowieso mal Zeit gesellschaftlich umzudenken, in eine andere Richtung zu denken, wie z.B. an mehr Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung.
Der Corona-Virus, das ist doch nur eine Ohrfeige!
Wenn wir diesen Weckruf nicht hören und so weiter machen wie bisher, dann haben wir als Gesellschaft, als Menschheit verloren, denke ich.

Frank: Einen Systemwechsel kann ich leider bisher nicht erkennen. Man hält noch sehr stark am bekannten System fest.

Friedemann: Guck dir die ganzen Punkbands an, die ganzen Punk-Clubs und auch die ganzen Punk-Fanzines. Bis vor zwei Jahren wollten alle noch die Welt verändern, in ihren Liedern und in allem. Die wollen auch alle nur zurück.
Erst haben wir jahrelang gesagt “Das System muss untergehen!“.
Wie viele Punkmusiker haben das gesagt?
In wie viel Liedern wurde das besungen?
Ich finde es total lustig zu beobachten, wie alle Bands...die ganze Subkultur...Fans...mit allem drum und dran, wie die jetzt alle sagen:
“Wenn Corona vorbei ist und wir uns alle wieder treffen können und weiter machen können....“.
Wie vorher, oder was? Ich lach mich tot!
Das ist ein Paradoxon.
Eigentlich ist jetzt ja die Zeit, zu sagen “Läuft nicht richtig. Machen wir anders!“.
Neue Ideen müssen her. Ich finde, wir könnten sehr sehr viel auf den Prüfstand stellen.Das fehlt mir, z.B. auch aus Richtung unserer Subkultur. Ich finde da teilweise...wie Bands sich auch der Politik anbiedern...Masken verkaufen...das ist mehr als lächerlich! Auch da wäre es mal Zeit für einen Systemwechsel. Nicht nur das gesellschaftliche System ändern sondern auch sich selber zu hinterfragen.
Wie machen wir Musik?
Wie nehmen wir Musik wahr?
Wie hören wir Musik?
Diese Fragen sollten wir uns vor allen Dingen in unserer Subkultur stellen, die immer anders sein will. Im Moment höre ich da nur “Wir wollen zurück. Zurück dahin wo es schön wahr. Wir wollen uns alle wieder treffen, Bier saufen und den Staat hassen“.
Diese Einstellung halte ich für sehr bedenklich. Das ist sehr lächerlich.

Frank: Siehst du dich generell als Beobachter?
In deinen Texten habe ich den Eindruck, du versuchst die Menschen und die Gesellschaft zu analysieren um sie damit aufzuwecken.

Friedemann: Definitiv!
Für mich zählt das ja auch. Ich bin ja auch ein Schwachkopf. Ich bin auch so ein Typ, der nicht genug haben kann. Ich bin ja auch ein Mensch.
Ich habe manchmal das Gefühl, das wir uns als Menschen, nur weil wir ein Handy und einen Computer bedienen können, so wahnsinnig überschätzen. Überschätzen in unserer intellektuellen Leistungsfähigkeit und auch in unserer empathischen Leistungsfähigkeit.
Ich finde, rein evolutionär, haben wir uns in den letzten zweitausend Jahren nicht so großartig entwickelt. Wir haben kulturelle Leistungen vollbracht. Wir haben technische Leistungen vollbracht. Aber so Grundinstinkte wie Gier, Hass, Wut, den Hals nicht voll kriegen, Neid... Das ist uns geblieben. Bei mir ja selber auch. Das nervt mich an mir selber. Das nervt mich an Teilen dieser Gesellschaft. Es ist doch so wenig solidarisch.
Wenn wir jetzt einfach mal ein halbes Jahr alle zu Hause bleiben würden. Dann würden wir das mit Corona in den Griff kriegen. Dann höre ich von vielen Seiten, aber das ist doch mein Recht, mich frei zu bewegen und zu verreisen. Dann denke ich immer, dass wir alle nicht nur Rechte haben sondern auch Pflichten. Wo ist da die Nächstenliebe?
Um auf deine Frage zurück zu kommen...
Analysieren, beobachten und versuchen sich selber und anderen ein Anstoß zu sein, Dinge vielleicht auf den Prüfstand zu stellen und vielleicht etwas besser zu machen. Einfach klüger zu handeln.
Ich hoffe, das gelingt mir und den anderen Menschen.
Das wäre schön für uns alle und für unsere Zukunft.

Frank: Was ist da aus deiner Sicht am dringlichsten? Was sollte man ändern?  Hast du da einen praktischen Tipp oder Hinweis?

Friedemann: Ich kann immer nur von meinem Leben ausgehen. Von dem Leben wie ich es mit meiner Familie lebe. Ich weiß, dass das was wir hier machen in den Großstädten teilweise nicht möglich ist. Jeder hat andere, eigene Lebensumstände.
Wir sind z.B. auf zwei Autos angewiesen. Eines davon ist ein Hybrid-Fahrzeug. Ich weiß, dass Hybrid-Fahrzeuge auch nicht das gelbe vom Ei sind, aber der verbraucht nur drei Liter Sprit. Wir trennen seit vielen Jahren den Müll. Wir kaufen kaum in Supermärkten ein. Wir bauen sehr viel selber an. Wir haben z.B. unsere eigenen Kartoffeln.
Ich weiß, dass man das in der Großstadt kaum umsetzen kann. Aber dafür kann man in der Großstadt viel Fahrrad fahren und den ÖPNV intensiv nutzen.
Jeder in seinem Lebensbereich kann, ohne sich großartig aus dem Fenster zu hängen, die Welt zu einem besseren Ort machen.
Manchmal kommen nach einem Konzert Leute zu mir, die mich fragen, wie man das alles machen soll. Dann frage ich die, was die Leute arbeiten. Nehmen wir z.B. an, da sagt mir jemand er ist Erzieher. Der arbeitet doch an einem geilen Ort um die Welt zu verändern. Du bist Erzieher und erziehst die Kids nach bestem Wissen und Gewissen. Du gibst den Kids was für´s Leben mit. Du bildest die Menschen und bewegst sie.
Ich denke, die Schritte die wir machen sollten, sind für jeden einzelnen kleiner als man denkt, aber wirken als Gesamtschritt einfach riesengroß. Da muss ein gesellschaftliches Bewusstsein her, diese Welt zu pflegen, das Miteinander zu pflegen.
Viele schwierige Entscheidungen stehen momentan vor uns, z.B. aus dem Bereich Umweltschutz:
Wer darf ein Eigenheim noch haben und wer nicht?
Wie viel dürfen wir noch bauen?

Thema Weltbevölkerung:
Wie viel Bevölkerung kann die Welt noch vertragen?

Oder aus dem Alltag:
Wer stellt unsere Klamotten unter welchen Bedingungen her?
Wo kaufen wir unsere Klamotten?

Auch im sozialen Bereich gibt es unzählige wichtige Fragen.

Wenn jeder in seinem eigenen Kosmos aufräumt, dann ist allen geholfen!
Und ich muss sagen, ich fühle mich mit meiner Familie, so wie wir leben, nicht eingeengt oder unterdrückt, nur weil ich auf die Umwelt und meine Mitmenschen achte.

Frank: Ich kann mich erinnern, dass du mal gesagt hast, dass du dir nicht vorstellen kannst in einer Großstadt zu leben. Gerade in den Großstädten herrscht aber oft mehr Vielfalt und Offenheit. Das ist genau das, was du in deinen Lieder besingst und dir ja wünschst.

Friedemann: Ich glaube in den Innenstädten der Großstädte ist das so, aber in den Randgebieten ist das schon nicht mehr so. Ich kenne viele Großstädte. Wenn du in Berlin in Kreuzberg unterwegs bist, kannst du gerne ein subkultureller Mensch sein. In Friedrichshain mag das auch noch funktionieren, aber in Marzahn sieht das schon anders aus.
Für mich ist es in einer Großstadt zu eng.
Da sind mir einfach zu viele Menschen.
Für mich ist da auch zu viel Lärm.
Ich bin einfach ein Dorfkind.
Grundsätzlich denke ich aber, wenn du eine Gesellschaft vielfältig gestalten willst, dann muss es auf die Dörfer raus. Dann muss es in die Provinzen! Man sieht es ja bei den Wahlen. Es nützt nichts, in Hamburg oder in Berlin bei den Wahlen die Innenstädte grün und links zu gestalten, aber die grauen Massen auf dem Land außen vor zu lassen. Insgesamt wird es dann schwer. Vielfalt gehört nicht nur in die Städte. Vielfalt gehört auf das ganze Land verteilt. Deshalb wohne ich auf dem Land und deshalb ziehe ich hier auch nicht weg. Die Jungs von Feine Sahne Fischfilet bleiben ja auch hier. Das ist wichtig.
Die Provinzen müssen mitgenommen werden!
Das ganze Land, die ganze Welt muss mitgenommen werden!
Das ist eine riesige Aufgabe, aber wenn wir das nicht anpacken, dann fallen wir alle übereinander her. Das macht keinen Sinn.

Frank: Zur Großstadt passt vielleicht auch der letzte Song auf deiner Platte. Dieser Song heißt “Einsam“. Finde den Text unglaublich stark aber auch sehr schmerzvoll. Fühlst du dich manchmal einsam oder wie genau ist der Text zu dem Lied entstanden?

Friedemann: Ich fühle mich oft einsam, das gebe ich ehrlich zu.
Habe viele Bekannte und sehr viele Freunde, die natürlich nicht immer bei mir sein können. Ich weiß gar nicht, wie ich es sagen soll. Ich verstehe die Zeit nicht so richtig. Das liegt nicht daran, dass ich alt bin. Ich bin belesen. Ich diskutiere viel über Politik mit meiner Frau und meinen Freunden.
Aber, wenn ich auf Elternabende gehe, verstehe ich die Hälfte nicht.
Wenn ich Zeitung lese oder Fernsehen schaue, versteh ich die Hälfte nicht.
Ich lese Kommentare im Internet. Ich verstehe sie nicht.
Diese soziale Kälte, das ist nicht meine Baustelle.
Keiner von uns kommt alleine durch dieses Leben.
Wir müssen in einer Gesellschaft zusammenleben, ob wir wollen oder nicht.
Ich fühle mich oft einsam, weil ich viele Dinge einfach nicht verstehe. Und manchmal auch, weil ich sie nicht verstehen will. Rassismus, Faschismus und Homophobie. Wir diskutieren seit Jahrzehnten über diese Themen und sie sind immer noch da.
Wie viele Lieder wurden darüber geschrieben?
Wie oft wurde dagegen demonstriert?
Das ist doch alles in den Schädeln drin.
Ich fühle mich einsam, wenn ich sehe, dass Menschen auf der Straße wohnen müssen.
Ich fühle mich einsam, wenn ich sehe, dass Menschen einfach nichts zu Essen haben.
Ich fühle mich einsam, wenn ich an die Bewegung “Fridays for Future“ denke und wie die gehasst wird. Das ist ein Input von jungen Leuten, der uns als Gesellschaft weiterbringt.
Manchmal, wenn ich auf Tour bin, nach dem Konzert, gehe ich noch in eine Kneipe. Da sehe ich die Leute, vor denen ich gesungen habe, total besoffen. Am Ende hauen sie sich womöglich noch auf´s Maul. Diese Spannung, diese Wut, das macht mich einsam.
Meine eigene Wut, mein eigener Hass, macht mich einsam.
Man weiß gar nicht, wohin man soll.
Ich habe eine gute Familie. Ich bin da gut aufgehoben. Ich werde auch geliebt.
Nach dem Tod meines Vaters, ist meine Mutter hier zu uns ins Dorf gezogen. Da bin ich dankbar drüber. Da fühle ich mich nicht einsam. Da fühle ich mich geborgen. Aber wenn ich Abends in mein Bettchen gehe und über die ganze Welt nachdenke, wie wir miteinander umgehen...da fühle ich mich einsam.

Frank: Das kann ich gut verstehen. In dem Lied “Bleib dem Frohsinn treu“, da beschreibst du ja genau das, was du gerade gesagt hat. Da läuft man Gefahr verbittert zu werden.

Friedemann: Das darf man halt nicht! Ich weiß, ich darf nicht verbittern! Ich bin ein fröhlicher Mensch. Ich will nicht am Ende meiner Tage da stehen und verbittert sein. Da habe ich keinen Bock drauf!
Man darf sich die Lebensfreude nicht nehmen lassen!
Viele Leute sehen den Corona-Virus ja als Krise.
Das ist doch keine Krise, Leute!

Krise ist Krieg.

Ich frage mich, wie wenig die Menschen hier in Deutschland aushalten können.
Ich habe Bekannte in Spanien. Die hat es richtig schlimm getroffen. Die waren für ein Vierteljahr im kompletten Hausarrest. Die lachen und leben immer noch.
Ich hab Freunde in Italien. Die waren auch für ein Vierteljahr im Hausarrest. Die pendeln viel zwischen Italien und Deutschland die kennen beide Seiten sehr gut.
Dieses Meckern, dieses Wehleidige, das ist ein deutsches Phänomen.
Dieses Gefühl von Weltuntergang...ich hab es nicht.
Corona ist ein Virus. Der Virenstamm ist bekannt. Es gibt diesen Virenstamm schon seit vielen Jahrzehnten. Jetzt gibt es Impfstoffe. Wir werden geimpft und dann geht es weiter.
Wir müssen klüger werden!
Wir müssen auch mal der Wissenschaft trauen. Die Wissenschaft hat Mittel gegen Masern gefunden, gegen Kinderlähmung, gegen Mumps. Da lässt sich jeder gegen impfen. Kaum kommt Corona, wird jeder mit der Impfung vergiftet und abgehört. Das ist so absurd.

Wir müssen fröhlich bleiben, das ist wichtig!

Frank: Magst du die aktuelle politische und gesellschaftliche Situation in Mecklenburg-Vorpommern oder auf Rügen skizzieren? Hat die Situation sich aufgrund Corona verändert?

Friedemann: Viele Leute auf Rügen haben Angst.
Als Corona anfing, hatten sich viele Menschen von der Bundesregierung und auch von der Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern Frau Schwesig sehr gut vertreten gefühlt.
Wir haben auf Rügen im letzten Sommer durch die zahlreichen Urlauber relativ viele Corona-Infektionen abbekommen. Ich bin froh, dass das jetzt zurück gefahren wurde.
Viele Leute, die am Anfang gesagt haben “Wir verstehen die Maßnahmen. Wir gehen da mit.“ Die Menschen verstehen das nicht mehr. Dieses Hin und Her und Kreuz und Quer. Ich hoffe, das schlägt nicht nach rechts aus.

Frank: Der Ruf nach dem “starken Mann“.

Friedemann: Genau. Ich hoffe nicht, dass das in diese Richtung geht.

Frank: Da passt meine Frage zum Song “G-Land“ gut. Dieser Song steht für mich auf dem Album wie ein Monolith. Das Lied erinnert mich an Hans Söllner, Hannes Wader, Stoppok oder auch Reinhard Mey. Haben diese Musiker dich beeinflusst?

Friedemann: Die ganzen Singer-Songwriter aus Deutschland habe ich nie so richtig gehört. Das war mir alles ein bisschen zu sehr verkopft. Ich hab das Gefühl, dass ich ein bisschen einfacher bin, auch von der Wortwahl.
Ich meine, was liegt näher, wenn einer Gauland heißt?
Mir war es wichtig, in dem Lied darzustellen, dass das nicht nur das “Gauland“ ist, sondern auch das “Erdoganland“, das “Trumpland“ oder das “Orbanland“. Die meisten Menschen wollen, glaube ich, nicht so leben. Es ist wichtig, dass wir das nicht zu lassen.
Es ist wichtig, dass wir das Gute in den Menschen sehen und für das Gute kämpfen. Auch wenn es schwer ist und manchmal auch von einem selber Opfer fordert, wie z.B. zeitliches Engagement.

Das Lied "G-Land" soll die Leute tanzend dazu bringen, sich zu engagieren und etwas zu tun.

Frank: Vor sieben Jahren kam dein erstes Solo-Album heraus. Hast du damals gedacht, dass du sieben Jahre später immer noch mit der Gitarre unterwegs sein wirst und du mit deiner Musik immer erfolgreicher und beliebter wirst?

Friedemann: Das habe ich nicht gedacht. Als ich angefangen habe, war ich psychisch schwer krank. Ich wusste gar nicht wohin mit mir. Ich kam mit der ganzen Welt nicht zu Recht. Ich wollte keine Tabletten nehmen und hab mich mit mir selber auseinandergesetzt. Also mit all dem Scheiß, von dem auch viel meine eigene Schuld war. In der Zeit hat meine Frau zu mir gesagt: “Mach doch das, was du am besten kannst. Mach doch einfach Musik!“. Dann habe ich eben Musik gemacht. Andreas von Exile on Mainstream Records hat gesagt, er bringt die Platte dann raus. Den Leuten gefällt das gut was ich mache. Zu den Konzerten kommen auch viele Leute, die mit dem harten Zeug was COR macht, nichts anfangen können.
Wie viele Leute zu den Konzerten kommen ist mir relativ egal. Ich habe auch viele Konzerte in Wohnzimmern gespielt. Für mich ist das allerwichtigste, dass die Leute, die zu meinen Konzerten kommen, Bock haben. Also entweder Bock darauf haben zu hören, was sie schon kennen oder Bock darauf haben, was Neues zu entdecken. Die Menschen also eine gewisse Offenheit mitbringen. So lange da zwanzig Leute kommen, die zuhören und mit dabei sind, mache ich das. Damit bin ich sehr zufrieden.
Für die nächste Platte ist schon alles vorbereitet. Ich nehme im November die Lieder auf.
Mir macht das Spaß.
Ich mache es nicht, weil ich damit Geld verdienen muss. Habe vor kurzem mal geguckt. Das ist ein Zuschussgeschäft. Aber...ich habe Freude daran!

Es ist für mich kein Zuschussgeschäft, sondern ein Ich-freu-mich-Geschäft.

Frank: Glaube, das “Ich-freu-mich-Geschäft“ geht manchmal auch verloren. Gerade bei jungen Bands habe ich das Gefühl, dass man sich da einen Druck aufbaut, mit der Musik unbedingt Geld verdienen zu wollen. Damit geht die Ehrlichkeit verloren.

Friedemann: Da brauchst du nicht auf die jungen Bands gucken, wo die Leute vielleicht Anfang 20 sind. Das ist auch bei den Leuten mit Ende 50 so. Da braucht man sich nur umzuschauen. Ich nenne keine Namen, aber es ist schon lächerlich, wie gerade wir als Subkultur der Musikindustrie in den Arsch rein kriechen, nur um da ein paar Euro abzufassen.
Ich bin da eher schmuddeliger. Ich bleib auch gerne schmuddeliger. Das andere ist nicht so meins und ich finde es auch nicht gut. Wenn man etwas nicht mag, muss man es klar sagen und zumindest in Teilen versuchen neue Wege zu gehen und anders zu sein.
Ich wollte nie von der Musik leben und Ich will nicht von der Musik leben. Wenn ich von der Musik leben will. Wenn ich mich dafür entscheide von der Musik zu leben, dann muss ich bestimmte Kröten schlucken. Das weiß jeder, der in diesem Business unterwegs ist. Alle großen Bands die da unterwegs sind, die schlucken diese Kröten. Das ist aus meiner Sicht nicht gut. Ich glaube, das wirft kein gutes Bild auf uns, auf uns Musiker und auf uns Menschen. Da steckt ja auch dieser Gedanke des ewigen Wachstums drin. Das steckt in den ganzen Bands drin. Guck dir doch mal die ganzen Bands an, wie gewaltig das geworden ist. Dann kritisieren wir aber, dass die Wirtschaft, die Industrie und die Gesellschaft immer nur auf Wachstum aus ist. Wir selber leben aber auch genau im selben Stall, nur das unser Produkt, das Meckern darüber ist, dass die anderen auch alle wachsen. Das sehen wir doch alle. Wir sind gerade in einer Phase, in der der persönliche Spielraum, den jeder von uns hat, halt nicht wächst.
Erst kauft man sich einen Golf, dann einen Mercedes und dann einen Porsche. Wie viele von unseren Punkerfreunden fahren richtig fette Autos und haben richtig viel Vermögen?
Wie viele von deinen Freunden?
Wie viele von meinen Freunden?
Vielen geht es doch richtig gut. Wir müssen uns jetzt gerade daran gewöhnen, dass dieses Wachstum stagniert. Die Bands, wie alle Menschen müssen sich daran gewöhnen. Wir haben alle damit zu tun. Ich finde das echt krass. Habe mir in letzter Zeit von vielen Bands im Internet die Seiten angeschaut. Dieses Klagen, dieses Jammern und diese Sehnsucht wie schön das vor Corona war. Das stimmt, aber Leute, es war zu groß! Es war zu viel!
Die Leute brauchen Musiker oder Musikerinnen, die sich hinstellen, die einen schönen Sound haben und die die Leute mit ihrer Musik bewegen und nicht mit der Licht-und Flammen-Show. Ein gutes Licht bewegt die Leute. Das bekommst du auch auf kleinen Bühnen hin. Mit meiner Gitarre kann ich auf einem Acker spielen oder bei dir vor der Haustür. Das liebe ich an meiner akustischen Gitarre. Ich setze mich mit dem Ding irgendwo hin und leg los. Ich singe und spiele Gitarre. Die Leute kommen danach zu mir und sagen “Friedemann, das war richtig gut. Das hat mich richtig berührt!“. Das ist der Beweis, dass es mit ganz wenig geht.

Frank: Auch wenn du sagst, du bist nur der Mann mit der Gitarre, habe ich den Eindruck, dass du auf deinem neuen Album mehr Effekte, mehr Gesangseffekte hast. Hast du dich mehr getraut?

Friedemann: Das ist eine Entwicklung die da zu hören ist.
Ich sitze oft mit meinem Produzenten Eike im Studio, dann sagt z.B. Eike “Hier, bei “Monster“, lass uns da mal was machen“. Dann spiele ich etwas Schlagzeug und wir probieren was aus. Alles auf der Platte “In der Gegenwart der Vergangenheit“ habe ich selber aufgenommen.
Im Studio fummel ich gerne herum. Früher habe ich das nicht so gemocht, aber jetzt mache ich es ganz gerne.
Aufgenommen wurde die neue Platte, wie die letzte Platte auch, in Hamburg in den Chamäleon Studios ( http://www.chameleonstudio.de/ ).

Das Lied “Le Coiffeur“ ( https://www.youtube.com/watch?v=0z6XKu2crXU ) habe ich ja auch vor kurzem veröffentlicht. Dieses Lied habe ich mit Danco aus dem Kassettemix-Studio ( https://www.kassettemix.com/ ) zusammen aufgenommen. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Das Lied gefällt mir. Ich bin für neue Dinge offen. Da wird in der Zukunft definitiv noch einiges passieren.

Mir ist jedoch wichtig, dass ich jedes Lied auch alleine, nur mit meiner Gitarre spielen kann.

Frank: Von der Musik leben ist nicht dein Ziel, aber du willst doch bestimmt irgendwann wieder live spielen, oder? Gibt es da Pläne?

Friedemann: Momentan ist alles auf Eis gelegt. Ich hatte zwei Touren absagen müssen. Einmal im letzten Jahr die Tour und dann die Tour 2021 zur neuen Platte. Ich hatte jetzt aktuell ein Angebot vom SO36 in Berlin-Kreuzberg bekommen, dort ein Streaming-Konzert zu spielen. Das ist überhaupt nicht meine Baustelle, aber ich hab gedacht, dann habe immerhin ein Konzert zur neuen Platte. Die hätten mir dann zwei, drei Leute als Publikum in den großen Saal gesetzt. Das habe ich aber jetzt auch abgesagt.
Streaming-Konzerte sind nicht meins. Ich werde mich wohl nie daran gewöhnen, dass ein Konzert ohne Menschen ablaufen soll.
Ich kann momentan nicht in eine Kamera rein singen.
Ich könnte für dich, für deine Frau oder für andere Freunde, wenn sie vorbeikommen ein kleines Konzert spielen. Das würde ich gerne machen. Ein, zwei Menschen reichen mir aus. Das habe ich auch schon mal gemacht. Wenn den Leuten das was bedeutet, reicht mir das völlig aus.

Frank: Für mich sind Streaming-Konzerte nur eine Art Ersatzbefriedigung.

Friedemann: Habe mir mal zwei, drei Streaming-Konzerte angeschaut. Ich fand es fürchterlich. Ich hoffe, das setzt sich nicht durch.
Ich brauche die Menschen. Ich brauche die Menschen, die dann zu mir kommen und sagen, dass es ihnen gefallen hat oder eben, dass sie es scheiße fanden. Diese menschlichen Emotionen, die fehlen mir. Die fehlen mir auch persönlich, hier bei uns auf dem Hof. Die persönlichen Gespräche, die Abende am Lagerfeuer. Wir sind sozial ausgehungert. Das gebe ich ehrlich zu.
Ich habe noch nie, seit 1991, so lange zu Hause gesessen und nicht gespielt. Es war noch nie so lange, selbst nach meiner Bandscheiben-OP. Was Konzerte angeht, verwelke ich langsam. Das ist scheiße.

Frank: Friedemann, vielen Dank für das Interview und dass du dir dafür so viel Zeit genommen hast.

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