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Rammstein - Liebe ist für alle da

Rammstein - Liebe ist für alle da

CD Universal 16.10.2009
  7 / 10

Weitere Informationen:
http://www.rammstein.de/
http://www.myspace.com/rammstein


Liebe ist für alle da. Das klingt für Hippies, Frauen und frühpubertierende Jugendliche doch nach einer wundervollen Vorstellung. Doof an der Sache ist nur, dass „Liebe“ nicht wirklich für „alle“ da ist. Guido Westerwelle zum Beispiel hat niemand mehr wirklich lieb. Oder George W. Bush. Diese und noch weitere traurige Gestalten werden durch den (höchstwahrscheinlich) bewußt bösartigen Titel „Liebe ist für alle da“ der Hardrock-Band „Rammstein“ in die tiefsten Tiefen ihres sehnsüchtigen Bewußtseins geschleudert, um dort ihre vereinsamte Existenz zu fristen. Grausam.

Doch die Berliner haben anscheinend genug Liebe in sich, um alle Menschen damit versorgen zu können. Logisch, sonst würden sie es sich ja nicht auf das Album-Cover schreiben, oder? Trotz der zwischenmenschlichen Anspielungen hat das Album einiges mehr zu bieten. Um es einfach mal kurz zu machen (und um alle zufrieden zu stellen, die nicht gerne lesen): Rammstein!

Eine erste Enttäuschung macht sich jedoch schon zu Beginn breit, noch bevor der erste Klang die Chance hat zu überzeugen: Ähnlich wie beim neuesten Album von „Limp Bizkit“ hielten es „Rammstein“ wohl auch für nötig eine berühmte Preis-Politik einzuführen, die besagt: Wer mehr zahlt, bekommt mehr geboten. Aus diesem Grunde basiert dieses Review nur auf den 11 Liedern, die ich einfach mal „Original-Lieder“ nenne. Ich lasse auch einfach mal das Wort „Zwei-Klassen-Fangemeinde“ im Raum liegen und steige direkt ein:

„Rammstein“ ist ein Bandname, der wirklich hält, was er beim Hören verspricht. Man stelle sich einfach vor, dass zwei tonnenschwere Steinblöcke mit voller Wucht aufeinanderprallen. DAS ist ihr Klang. Der Stil ist also halbwegs bekannt und vorstellbar.
Das „Rammlied“ geht ganz beruhigend los und entfesselt sich in einem riesigen Feuersturm, der einen wissen lässt: „Wir sind Rammstein!“. Ich nenne das einfach mal einen soliden Einstieg, der mich stark an das Lied „Rammstein“ erinnert, nur ein bisschen weniger cool. Das Tempo stimmt, der Sänger rollt das „R“ vorbildlicher, als Panzer Ketten rollen lassen könnten und die Instrumente krachen nur so auf den Zuhörer ein. Eine gute Einleitung, wenn auch nicht wirklich besonders.
Doch nun wird es deutlich interessanter! Sogar so interessant, dass Deutschland zugehört hat. Das Lied „Ich tu dir weh“ scheint Deutschland sogar so sehr zu mögen, dass es dieses Lied ganz alleine für sich möchte, anstatt es allen zugänglich machen zu können. Genies haben es bereits erfasst: „Ganz klar, was hier gelaufen ist!“. Aufgrund des Textinhaltes, der von Liebe und verstümmelnder Gewalt handelt, wurde der Zensurhammer geschwungen. Dabei ist der Song sehr ordentlich gemacht. Der Text ist durch die Fantasien teilweise ziemlich lustig (was wohl auch am Sänger liegen mag), er erregt ganz gut die Aufmerksamkeit des Hörers und die „Gesangseinlage“ im Refrain ist einfach klasse! Dieser Kontrast zwischen absoluter Härte und wohlklingendem Gesang sind ja immer ganz gerne die Methoden, derer sich die Rammstein‘ler bedienen. Warum die Zensur hier unbedingt sein musste, verstehe ich nicht. Der Verlust dieses Liedes nimmt dem Album einen sehr wichtigen Song, ohne welches das Album weniger hörenswert wird. Schade.
Es sind nur wenige Sekunden, in denen man die Alpenhörner zu hören bekommt. Bevor man den Gedanken an Berge, Milka-Kühe und dicke Menschen in Lederhosen zu Ende denken kann, geht es schon los. Das Lied „Weidmanns Heil“ ist eines der „Tempo“-Lieder dieses Albums und auch eines meiner Favoriten. Die Spannung und die Steigerungen sind sehr geil ausgeführt und lassen einen gedanklich mit anderen Mitmenschen blutpogen. Dies wird dadurch verstärkt, dass der Knall ab dem Wort „Sterben!!!“ richtig loslegt und einen in die richtige Stimmung versetzt. Fairerweise hat das Lied auch einige „Ruhepausen“ bereitgestellt, da man sonst vor Ermüdung wohl umklappen würde, bevor es vorbei wäre. Super!
Und es geht weiter mit der Hit-Reihe: „Haifisch“ ist ein etwas ruhigeres und nachdenklicheres Lied mit mittlerer Härte, welches in Sachen Atmosphäre und Text auf diesem Album die Spitze anführt. Gepaart wird der minder-harte Klang mit der melodischen Stimme im Refrain und diversen Hintergrundgeräuschen, die von einem Keyboard erzeugt werden. Wenn man sich auch noch vom Text die Bilder malen lässt, in denen besonders die Worte „Tränen“ und „einsam“ die tragenden Elemente sind, der kann sich auf Gänsehaut einstellen! DAS ist wirklich ein Lied, das eines Albums der früheren Tage gerecht werden würde.
 Nun wird’s abwechslungsreich: Man kann ja von „Themen“ halten, was man will. Wenn man das heimische Musikprogramm anwirft und die Lieder in alphabetischer Reihenfolge sortiert, dem wird vielleicht auffallen, dass 6 Lieder hintereinander auftauchen, die seltsamerweise alle „Bier“, „Deutschland ist scheisse“ oder „Ich bin besoffen hinter dem Schlagzeug eingeschlafen und habe mein Bier im Dunkeln verloren“ heißen. Ja, es gibt viele Lieder zu vielen Themen, die denselben Titel tragen. Aber das Lied „B********“ ist garantiert noch nie vorgekommen. Eigentlich heißt es ja „Bückstabü“ und thematisiert mit einem unbekannten „Haben wollen“-Objekt das Thema Gier und Habsucht. Sehr elegant gelöst…und das sogar klangtechnisch ganz gut! Tolles Lied!
Wer bis jetzt um ein Haar dem Herzstillstand entronnen ist, kann ein bisschen durchatmen. Der schöne Titel „Frühling in Paris“ handelt in sehr schöner Sprache von Liebe und dem „heiligen ersten Mal“. Wieder mal ein tolles Beispiel, dass auch ausgelutschte Themen immer noch „neu“ klingen können. Vor allem, wenn der Refrain richtig (auch ein bisschen auf Französisch) gesungen wird. Der im Hintergrund gespielte Synthesizer untermalt die „mystische“ Atmosphäre noch ein wenig und vergibt dem Pariser Frühling eine träumerische Note.
„Wiener Blut“ ist wieder heftiger anzusiedeln und wechselt ständig zwischen Ruhepausen und rasanter Geschwindigkeit. Hektik und Ruhe, Terror und Stille, laut und leise. Hier ist der Refrain großartig ausgearbeitet, aber die Strophen wirken etwas gestreckt und das Lied wirkt ein bisschen langatmig. Mittelmaß, aber zwischendrin hörbar. Der textliche Hintergrund ist jedoch ganz interessant: Es geht um eine wissenschaftliche Analyse über europäische Splittergruppen („Österreicher“), bei denen ca. 75& der Bevölkerung unter der Erde („Keller“) aufwachsen. Ob sie das kritisch beleuchten? Vielleicht nicht.
Das folgende Lied „Pussy“ ist auch sehr kontrovers gewesen. Bei der Veröffentlichung des Musikvideos wurden pornographische Inhalte veröffentlicht, wobei die Gesichter der Hauptdarsteller durch die Gesichter der Band ersetzt wurden. Das ist natürlich nicht schön und gehört verboten, aber diese bösen Männer machen einfach weiter. Schrecklich. Wo der Anfang durch den ordentlichen Klang überzeugen kann, schlafft das Lied im Laufe der Zeit ein bisschen ab und wird allmählich uninteressant. Ich konnte irgendwie von Anfang an nie etwas damit anfangen. Vielleicht, weil das Lied irgendwie so „fern“ vom früheren Stil der Band steht. Klingt eher nach einem gewagten Experiment, das nicht wirklich gelungen ist.
„Liebe ist für alle da“ habe ich ja am Anfang quasi vorneweg genommen. Mit den Worten „Liebe ist für alle da – nicht für mich“ spielen Rammstein auf traurige Einzelschicksale diverser Lebensformen an, die ohne Boulevard-Presse und Skandale gar nicht mehr vorstellbar wären. Musikalisch nicht unbedingt hervorstechend, aber dennoch nett. Allerdings ist es schade, dass der Namensgeber des Albums derart „mittelmäßig“ klingt.
„Mehr“ ist, ähnlich wie „Wiener Blut“, eine Symbiose aus ruhigen und harten Passagen, wobei die Geschwindigkeit in diesem Falle gleich bleibt. Auch der harte Teil ist – in diesem Falle anders, als bei „Wiener Blut“ – relativ langsam und wäre also perfekt zum Headbanging geeignet, wenn man es denn live sehen würde. Was wohl der Titel „Mehr“ im Bezug auf den Text für uns bereit hält, kann man sich an der Stelle wohl denken. Allerdings versinkt der Titel auf CD ein bisschen zwischen den anderen Liedern und kommt nicht wirklich zur Geltung. Es dümpelt ein bisschen von sich hin und bereitet einen schon auf den letzten Track vor…
…der sich „Roter Sand“ nennt. Hier geht es um ein fiktives Duell zwischen zwei Männern, die sich um die Liebe einer Frau duellieren, wobei der Sänger aus der Sicht des Getroffenen singt. Keyboard und Gitarre machen ihre Arbeit sehr ordentlich und schaffen eine gruselige Anfangsstimmung. Der Text verursacht – sofern es sich beim Zuhörer des Liedes nicht um einen Soziopathen handelt - eine Gänsehaut oder lässt einen zumindest gedanklich den Verlierer spielen. Das „Pfeifen“ im Hintergrund ist teilweise gut eingesetzt worden, wobei der Gebrauch auch hätte  etwas magerer hätte ausfallen können. Aber es ist für die schwache zweite Hälfte des Albums ein würdiger Abschluss und sorgt dafür, dass man mit einem ruhigen Gefühl das Album abschließen kann. Ende Gelände!

„Liebe ist für alle da“ ist eine gute Platte. Leider ist sie auch nicht mehr. Das Album hat wirklich krasse Titel zu bieten, die Hit-Potenzial haben und sicherlich für einige Wiederholungen sorgen werden. Dagegen jedoch stehen Mittelmaß-Stücke, die nach ein paar Mal hören in der ewigen Versenkung verschwinden werden. Schließlich haben auch „Rammstein“ mittlerweile ihren Wiedererkennungswert erreicht und es klingt alles sehr vertraut nach einiger Zeit, weshalb nur persönlich wichtige Texte oder wirklich markante Songs immer wiederkehren. Hoffen wir, dass die Band bei ihrem nächsten Werk ein paar neue Ansätze liefert, um sowohl neue Fans, als auch alte Hasen ansprechen zu können.

Bis dahin gibt es aber 7 von 10 Punkten.


Geschrieben von ChaosZx2 am 29.08.2011, 00:00 Uhr


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