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Cat Stevens - Discounter-Rock. Wie ich die 70er bei Lidl erlebte. (Teil 3 - Icon: Cat Stevens)

Cat Stevens - Discounter-Rock. Wie ich die 70er bei Lidl erlebte. (Teil 3 - Icon: Cat Stevens)

Sonstiges A&M Records (Universal Music) 06.05.2011
  6 / 10

Weitere Informationen:
http://www.yusufislam.com/
https://www.facebook.com/YusufCatStevens


Dies ist der dritte Teil meiner Mini-Serie zu musikalischen Spontankäufen im Supermarkt an der Ecke. Hier findet ihr Teil 1 und Teil 2.

Zum Abschluss noch ein anderes Genre, repräsentiert durch das erklärte Hass- und Spottobjekt von Jello Biafra: CAT STEVENS (brillianter Albumtitel: “Icon: Cat Stevens”). Naja, die Mädels aus Jellos Schule werden den wohl gehört haben, während der junge Eric Boucher schon STOOGES hörte oder so etwas, jedenfalls könnten so nicht zu unterschätzende Traumata entstanden sein, die wiederum in gnadenlose Attacken auf das amerikanische Establishment münden sollten. So hat eben alles auch seine gute Seite.

Nun ist es einfach, sich über religiöse Menschen lustig zu machen, besonders in diesem Fall wäre es eine Steilvorlage. Ich lass es einfach sein, weil alles wichtige dahingehend schon gesagt ist. Ich möchte lediglich erwähnen, dass ein Konvertit vom Christentum zum Islam sowohl vorher als auch nachher seinen Aberglauben an mir vorbeisingt. Ein verstrahlter Fusselbart blieb der Katzensteffen in beiden Fällen, aber wie ist die Musik?

Da musste ich dann doch ein Bisschen staunen, was ich mir so reingezogen habe in jungen Jahren, als ich kaum Englisch konnte. Starker Tobak, dieser Hippie-Folk mit Friedensmessage, aber nicht zuletzt auch Gotteslob. Rein von der Musik her sind das gute Songs, und da den meisten Menschen der Text piepe ist, steht der religöse Inhalt dem Erfolg nicht im weg. Bzw. Befördert ihn natürlich bei den Schäfchen vom gleichen Bekenntnis, so habe ich mir das jedenfalls berichten lassen. Die Texte tun niemandem weh und bleiben schön hängen, mit Gitarre, Piano und Frauenchor, einzig diese Säuselstimme geht mir penetrant auf die Nerven. Die klingt nämlich wieder, tut mir Leid, ein Bisschen religiös entrueckt. Mit “Wild World” und “Father and Son” sind natürlich die Evergreens dabei, die sogar textlich etwas reißen können. Aber auch einige mir unbekannte ganz nette Songs, und sogar zwei nach der Namensänderung des Künstlers aufgenommene. Warum der neue Name jetzt eigentlich nicht auf dem Cover steht, kann man nur mutmassen, vielleicht stellt “Yusuf Islam” hierzulande ein Verkaufshemmnis dar. In Mossul kann man den vielleicht so vorne darauf drucken. “The First Cut is the Deepest” und “Where Do the Children Play” hätte ich gern nochmal gehört, aber die Lieder sind wohl bei der Auswahl unter den Tisch gefallen. Pech.

Insgesamt ganz brauchbarer Überblick über das Werk des Cat Stevens, wenn ich mir aber wirklich diese Art von Musik geben will, bleibe ich lieber beim alten Bob Dylan (auch Christ, aber mit vernünftigen Texten) oder John Lennon (grösser als Jesus). Davon abgesehen, wer nach den Sechzigern immer noch dieses Love & Peace der Blumenkinder leierte, musste schon ein Bisschen hängengeblieben wirken. Fast so anachronistisch, wie nach ´77 noch Punk zu sein. Fast.

Keine Ahnung, ob ich mir als Zeitgenosse einfach diese drei Acts mit Joint und Gin reingezogen hätte. Das stellt natürlich nur einen kleinen und sehr willkürlichen Ausschnitt aus dem dar, was tatsächlich über den Äther ging, da gab es weit schlimmeres und auch weit besseres. Gerade im Hardrock gab es Gruppen, die ich heute zu meinen Favoriten zähle. Und wenn heute die Frontleute so ziemlich jeder altgedienten Punkkapelle allein mit Wandergitarre ihre Gefühle in die Welt geträllert haben, scheint denen auch dieser Ansatz nicht unbedingt völlig fremd zu sein. Dennoch kann ich mir vorstellen, was es für ein Kulturschock gewesen sein mag, zum ersten mal die UK SUBS oder ADVERTS zu sehen, um mal auf der Insel zu bleiben. Statt Soli und Brusthaaren, Traditionspflege und Stadionrock, einfach alles auseinanderzunehmen und mit Lust an der Provokation zu etwas neuem und wilden zusammenzuschustern, das mit beiden Füßen in der Gegenwart steht und um sich tritt, da kann ich nur sagen: Well done. Und bis diese Musik mal im Supermarkt zu haben ist, werden wohl noch viele Rock ´n´ Roll-Leichen die Themse heruntertreiben.

Teil 1: Deep Purple
Teil 2: Uriah Heep

Geschrieben von King Kraut am 06.09.2014, 22:52 Uhr


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