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Christian Y Schmidt - Der Kleine Herr Tod

Christian Y Schmidt - Der Kleine Herr Tod

Buch Rowohlt 24.03.2020
  8 / 10 Rowohlt

Weitere Informationen:
https://www.rowohlt.de/buch/christian-y-schmidt-der-kleine-herr-tod-9783737100786
https://www.facebook.com/christian.y.schmidt


Ein fucking Kinderbuch? Ja.
Habt ihr auch schon mal bemerkt, dass manche Frauen dazu neigen, auf Kinderbücher abzufahren, die sie feinsinnig finden? Wenn ihr euch als feinfühlig und tiefgründig positionieren wollt, schenkt Eurer Holden "Der Kleine Prinz" und erzählt, dass euch das Buch total berührt hätte. Wenn ihr so eine Nummer nicht nötig habt, schenkt ihr lieber eine Packung Mozart-Kugeln vom Aldi, kauft Euch "Der Kleine Herr Tod" und lest es selbst. Das Buch handelt die Hälfte der Zeit von Death Metal, also hat es einen Bericht auf Ramtatta verdient.

Ganz ehrlich gesagt hat mich diese ganze Kinderbuch-Aura am Anfang der Lektüre ein Bisschen befremdet. Es riecht immer ein Bisschen danach, dass Autoren sich selbst den Wunsch erfüllen, das Kinderbuch zu schreiben, dass sie als Kind nie hatten. Oder dass sie sich pseudo-philosophisch geben, weil "Kinder die Dinge ja noch so rein und unverfälscht sehen". Ich kann Entwarnung geben.
Das hier scheint eher ein Experiment vom Autor Christian Y. Schmidt zu sein, den ich zufällig wiederentdeckt habe, nachdem ich von ihm vor gefühlt mindestens 15 Jahren im wunderbaren Magazin "Titanic" die "Bliefe von dlüben" gelesen habe, seine unterhaltsamen Berichte über das Leben in China. Und so ist in diesem Kinderbuch das eher erwachsene Thema Tod in kurzweiliger Weise zusammengefügt einer Art Freundschaftsgeschichte, Coming-Of-Age, Heldenreise, wie nennt man das? Ich habe doch keine Ahnung von Literatur. Es sind aber alle möglichen schrecklichen bis coolen Dinge enthalten, die in der populärkultur, Mythologie und natürlich im Metal mit dem Thema Tod assoziiert werden, in einer Erzählung zusammengepackt. Ein Junior-Sensenmann hat eine Sinnkrise, kommt ein Bisschen in der Welt herum, gründet mit einem todgeweihten Jungen eine Death-Metal-Band und geht damit den Leuten auf den Zeiger, die es verdient haben.

Dabei wird teilweise kein Wortspiel ausgelassen, das irgendwie in Reichweite ist. Das kann manchmal ein Bisschen anstrengend kalauerig sein, aber man gewöhnt sich während der Lektüre daran. Ein anderer interessanter Aspekt ist für mich, dass Christian Y. Schmidt kein gewohnheitsmäßiger Death Metal-Hörer ist, sich aber zur Recherche pflichtbewußt eingearbeitet hat und im Annex sogar einen Mini-Glossar angefügt hat. Da er diese Musik in der Erzählung als reine Maßnahme zum Foltern der Mitmenschen darstellt, vermute ich, dass er an der Musik selbst wenig Freude hatte und sich nur aus literarischer Redlichkeit damit selbst gequält hat. Denn wer vom Tode redet, muss auch vom Todesmetall reden! Und vom Hades. Und dann darf man auch entschuldigen, dass Sepultura (Thrash) als und Napalm Death (Grind) unter der Genrebezeichung Death Metal geführt werden, denn wenn wir mal ehrlich sind, interessieren solche Unterscheidungen nur irgendwelche Metal-Asis, die sich mal besser die Matte Waschen und Gedichte von Jacques Prevot reinziehen sollten. Mich persönlich als Musikfan hat das wieder darauf gebracht, dass ich mir wirklich mal besonders den frühen Death Metal systematisch geben möchte, weil dieser einen punkigen Gegentrend zum Metal-Mainstream der 80er bot. Damals ist das Genre in ziemlich peinliche Hair-Metal-Zirkusshows ausgeufert. Da finde ich Blastbeats, Growling und Kunstblut lustiger. Doch zurück zum Buch!

Die beschriebenen Szenarien zwischen der Welt der Lebenden und der Toten haben mich ein wenig an thematisch verwandte Computerspiele erinnert, konkret an das klassische Lucas Arts-Adventure "Grim Fandango", das in der mexikanischen Totenwelt startet, sowie "Brütal Legends", das de Facto in einem Land aus den Manowar- oder Iron Maiden-Albumcovers spielt. Tod, Schädel und Gebeine allenthalben. 
Wer aber keine Lust hat, sich mit Sekundärlitatur/Games/Platten zu beschäftigen, für den reichen die genialen Illustrationen von Ulrike Haseloff voll aus. Oberstes Kinderbuch-Niveau, und dank des schrägen Themas der Handlung entsprechend witzig.

Ein Buch, nicht für jeden, aber auf jeden Fall besonders und eine gute Abwechslung zu meiner üblichen Lektüre über Abfallwirtschaft.

Und selbst wenn ihr Euch für das Buch nicht interessiert, lohnt sich außerdem ein Besuch auf der Facebook-Seite des Verfassers. Dieser setzt sich mit Haltung und Witz für politisch konsquentes Handeln in der aktuellen Pandemie ein. Teils finden unter seinen Beiträgen völlig irre Diskussionen zwischen vielen komischen Menschen statt. Ich weiß gar nicht, wie Herr Schmidt das aushält, aber es ist ein faszinierendes Biotop.

Geschrieben von King Kraut am 18.01.2021, 01:30 Uhr


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