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Marky Ramone

21.09.2015 http://www.markyramone.com/

Weitere Informationen:
http://www.markyramone.com/


Mit 16 Jahren war ich im Schüleraustausch und angehender Punk-Schlagzeuger ohne Schlagzeug. Um die Zeit sinnvoll zu nutzen, beschloss ich, das angewandte Herausschreiben von Schlagzeugnoten für meine Lieblingsplatten zu üben und begann mit der ersten Platte der RAMONES. Bahnbrechende Erkenntnis: Das, was da am Schlagzeug passiert kriegt man auf einer Zeile unter, die man dann für fast jedes Stück wiederholt und hier und da mit einem Crash-Becken versieht. Marc Bell, genannt Marky Ramone, kam ab dem vierten Album dazu und brachte beinahe unmerklich Abwechslung in den Beat der wohl wichtigsten Punkband der USA. Wann ein Profi-Drummer sein Spiel auf ein Minimum konzentriert, was die keineswegs stereotype new yorker Combo zu Punks statt Rockstars machte und welche Rolle ihm darin zukam, beschreibt er in dem im September mit Ramtatta geführten Interview, anläßlich seiner Autobiographie „Punk Rock Blitzkrieg – Mein Leben mit den Ramones“. Ich traf Marky und seine Frau Marion in einer Hotelbar in Berlin.

Geschrieben von King Kraut am 22.11.2015, 23:04 Uhr


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King Kraut: Es gibt schon einige Bücher über die RAMONES. Was wolltest du der Welt noch unbekanntes verkünden?

Marky Ramone: Es geht nicht nur um die RAMONES. Das Buch ist über die Anfänge der gesamten Punkszene in New York und darüber, was ich vorher gemacht habe. Ich wuchs in Brooklyn auf und spielte in verschiedenen Bands, ehe ich '74 anfing im CBGS's herumzuhängen. Ich beschloss, das Buch zu schreiben, weil ich 15 Jahre in einer Band war, 1.700 Konzerte gespielt habe und zehn Studioalben aufgenommen habe. Das ist viel. Und ich bin der letzte, der es tun kann, der mit Johnny, Joey, Dee Dee und Tommy einer der RAMONES aus den Siebzigern ist. Durch meine Beteiligung an der Band, dem Film „Rock 'n' Roll High School“, der Zusammenarbeit mit Phil Spector, der „Rock 'n' Roll Hall of Fame“, die zu den Grammys überleitete, hatte ich einen Einblick den ich gern weitergeben wollte – geschrieben durch einen Ramone, nicht einen Außenstehenden. Daher wollte ich das Buch herausbringen. Um Gerüchte zu widerlegen.

King Kraut: Werden in deinem Buch Irrtümer über die RAMONES offengelegt?

Marky Ramone: Oh ja. Zum Beispiel stimmt es nicht, dass Phil Spector uns mit einer Pistole bedroht hat. Ich will hier niemandes intaktes Weltbild zerstören, aber das ist so nicht geschehen. Er hatte eine Pistole dabei, aber er hat damit nicht auf uns gezielt. Er hat sie nur abgelegt und neben das Mischpult gelegt, weil sie schwer wog. Er hat nie jemanden von uns bedroht. Das Gerücht macht aber seit 34 Jahren die Runde.

King Kraut: Vielleicht ist die Geschichte so gut, dass die Leute sie gern glauben.

Marky Ramone: Die Sache ist: Es ist nicht wahr. Das unterschiedet dieses Buch von anderen.

King Kraut: Was war deine Motivation, als du als Musiker anfingst?

Marky Ramone: Ich sah die BEATLES in der „Ed Sullivan Show“, einer in Amerika damals sehr beliebte Varieté-Show. Sie traten dort am 7. Februar 1964 auf. Ich war ein kleiner Junge. Ich fand sie sehr lebhaft, wie Zeichentrickfiguren. Und als kleiner Junge mag man Zeichentrickfiguren. Ringo (der Drummer, Anm. d. Red.) war für mich wie eine Zeichentrick-Held. Daraufhin fing ich an, auf Gegenständen herumzuklopfen und meine Eltern wahnsinnig zu machen.

King Kraut: Änderte sich dein Antrieb, als du schon eine Weile Schlagzeug gespielt hattest?

Marky Ramone: Ja. Ich war nicht gut in der Schule. Daher war Schlagzeug spielen das einzige, was ich gern tat. Nachher fand ich gefallen an weiteren Schlagzeugern außer Ringo, die technisch anspruchsvoller spielten, wie Mitch Mitchell von THE JIMI HENDRIX EXPERIENCE, Keith Moon von THE WHO, Ginger Baker von CREAM, dem Jazz-Schlagzeuger Buddy Rich, Joe Morello von der DAVE BRUBECK BAND. Ich hatte nie Unterricht. Ich kam zu Hause an, ging in mein Zimmer und spielte mit meiner kleinen Vitrola-Stereoanlage mit. Schließlich gründete ich mit Freunden eine Band und wir spielten aktuelle Hits aus den Top Ten, was auch immer da gerade war.

Das war vielleicht '66-'67. Ich war so um die 14 oder 15 Jahre alt. Nach und nach wurde ich besser und spielte weiter. Dann gründeten wir eine der ersten Heavy Metal-Bands in Amerika namens DUST. Wir hatten unser erstes Album schon geschrieben, als das erste BLACK SABBATH-Album in Amerika ankam. In Amerika gab es keinen Heavy Metal. Es gab keine harten Spielarten, wie Hard Rock. Der Begriff „Heavy Metal“ war noch nicht einmal erfunden. Das kam dann ein Bisschen später. Wir gingen zur High School und machten zwei Alben. Wir mussten unseren Schulabschluss machen. Wir lösten die Band nach zwei Alben auf. Unsere beiden Alben wurde von Sony neu aufgelegt. Der Bassist und ich haben sie neu gemastert. Du musst bedenken, dass wir damals 17 Jahre alt waren. Aber wir spielten technisch sehr anspruchsvoll.

Dann machte ich ein Album mit Andrew Holden, dem Produzenten der ROLLING STONES. Ich spielte auf einem Album für [das Label] Columbia. Ich ging auf die 20 zu. Ich wollte es tun, weil er der Produzent war. „Oh yeah, der ROLLING STONES-Produzent, wow!“ Du weißt schon.
Ich spielte auf dem Album, ich mochte die Band (ESTUS, Country-Rock. Anm. d. Red.), aber es war nicht meine Art von Musik. Also zog ich an diesem Zeitpunkt weiter. Ich fing an, in New York im „Max's Kansas City“ herumzuhängen, was damals die Alternative zum CBGB's war. Dort traf ich auf Wayne County. Ich spielte eine Weile mit ihm Musik. Er war Transvestit. Die Leute liebten ihn in New York, aber er war seiner Zeit voraus. Ein grandioser Songwriter, großartiger Gesang. Das Problem war, dass er zu extrem war. Heute käme er mit dem durch, was er damals machte.

Aber um aufs Trommeln zurückzukommen, ich bekam das Angebot, bei Richard Hell & THE VOIDOIDS mitzumachen. Er war eben aus einer Band namens THE HEARTBREAKERS ausgetreten, mit Johnny Thunders und Jerry Nolan, die auch meine Freunde waren. Er wollte mit mir eine Band namens THE VOIDOIDS gründen und wir machten das „Blank Generation“-Album, [wovon] das [Titelstück] eine Punk-Hymne wurde. Es hatte eine Art Jazz-Feeling, es flog nur so nach vorn. Dann brachten wir das Album beim gleichen Unternehmen wie die RAMONES raus, bei Sire Records. Wir kannten uns alle untereinander. Anfang '77 gingen wir in England mit THE CLASH auf Tournee. Aber als wir zurückkamen wollte Richard nicht mehr touren. Er hatte ein Heroin-Problem, ich wollte weiter touren.

Zu dem Zeitpunkt wollte Tommy Ramone aufhören zu spielen. Nach dreieinhalb Jahren, ich dachte nur: Warum? Dee Dee, der schon vor meinem Einstieg bei ihnen ein Freund von mir gewesen war, fragte mich, ob ich bei den RAMONES spielen wollte. Sie sagten, lasst uns mal zusammen proben, dann sehen wir, wie es läuft, und dann schauen wir mal. Also probten wir, spielten drei oder vier Songs und es klappte. Als ersten Song nahm ich mit ihnen „I Wanna Be Sedated“ auf. Ich blieb fünf Jahre in der Band. Nach dieser Zeit, zwischen all dem Irrsinn, dem Filmdreh, dem Album, war es erdrückend.

Dee Dee Ramone nahm um 1982 herum Heroin. Das hatte er schon vorher, aber es wurde schlimmer. Ich trank mehr. Es ging so weit, dass sie mir sagten, ich müsste die Band verlassen. Ich stimmte dem zu, denn sie hatten recht.
Ich hätte draufgehen können. Ich hätte jemanden umbringen können, ich hätte im Gefängnis landen können. Ich hätte bei einem Filmriss etwas tun können, von dem ich nicht einmal wusste. Also ließ ich die Musik für vier Jahre ruhen. Ich wurde trocken. Dann kehrte ich zurück und blieb für weitere neun Jahre in der Band.

King Kraut: Wie kamst du vom Alkohol los?

Marky Ramone: Ich habe zwei Entziehungskuren gemacht, dann bin ich zu Alcoholics Anonymous gegangen. Und als ich da hinging, sah ich, dass ich nicht der einzige mit diesem Problem war. Da gab es Leute, die das gleiche Problem hatten wie ich. So fühlte ich mich nicht allein. Es fehlt mir nicht. Ich gebe zu, das ich beim Saufen eine Menge Spaß gehabt habe. Aber es beeinträchtigte mein Leben zu stark. Ich hatte genug von den Kopfschmerzen, nach dem Aufwachen zu trinken – es reichte.
Als ich '87 zurückkam, war das erste Lied, bei dem ich mitspielte, „Pet Semetary“ für den Soundtrack von Stephen King (Verfilmung von „Friedhof der Kuscheltiere”, Anm. d. Red.). Das ist eine ziemlich gute Art, zurückzukommen.
So einfach war es, weißt du. Aber wenn man 1.700 Konzerte in einer Band spielt, macht man es wirklich automatisch. Wie ins Sportstudio zu gehen.

Das war also, wie ich zum Schlagzeugspielen kam. Mit all diesen Schlagzeugern, die ich genannt habe. Aber man muss eine Menge Sachen mögen. Man kann sich nicht auf eine Musikrichtung beschränken. Man muß sich öffnen für Jazz, Blues, Rock, Metal, Punk. Man kann nicht nur bei einem bleiben, sonst schafft man es nicht. Man wächst nicht, wird nicht besser.

King Kraut: Beim RAMONES-Hören scheint es mir, als hättest Du deine Spielweise geändert. Nicht grundlegend, aber dennoch. Hattest du das Gefühl, das könnte ein Problem sein?

Marion: Bist du Schlagzeuger?

King Kraut: Ja.

Marion: Ich wusste es!

Marky Ramone: Was ich gemacht habe, ist den Sound kräftiger zu machen. Ich stimmte die Trommeln anders, damit sie größer klangen, als sie es waren. Ohne Tommys Leistung zu schmälern, fand ich, dass die Band zu jenem Zeitpunkt einen schwereren Sound brauchte. Das war mein Beitrag. Ich spielte im gleichen 4/4-Takt, nur fester. Ich bin ein „schwererer“ Schlagzeuger als Tommy es war. Und ich fügte hier und da Fills ein, was es auf RAMONES-Alben nicht gab – nirgends. Aber nur da, wo es den Song nicht unterbrach. Ich setzte die Fills an die richtige Stelle, nicht zu lang, um nicht den Gesang oder die Gitarre zu unterbrechen. Nur den Fluss des Lieds zu stützen. Ich denke, das macht den Unterschied aus.

King Kraut: Entwickelte sich das mit der Zeit? Ich habe mir das Album „Road to Ruin“ angehört, aus deiner Anfangszeit bei den RAMONES. Heute habe ich mir dann wiederum das Album „Brain Drain“ von '87 mit dem Stück „All Screwed Up“ angehört. Da drehst du im Vergleich richtig frei mit den Trommelwirbeln. Das wäre auf einer frühen Platte nicht passiert.

Marky Ramone: Nein. Man kann nicht immer nur Drei-Akkorde-Alben machen. Man muß sich weiterentwickeln. Wie die BEATLES. Ihre ersten drei, vier Alben sind großartig. Aber sie mussten sich ein Bisschen verändern. Dann kamen die Alben „Revolver“ und „Rubber Soul“ heraus. Sie fingen mit vielen neuen Sachen an und wurden fortschrittlicher. Und so kann ich das mit den RAMONES betrachten. „Road to Ruin“ war das „Rubber Soul“ der RAMONES. Beim Song „Pet Semetary“ habe ich dann viele Fills. Die Stücke brauchten das. Wenn man ein Demo aufnimmst, spielt man schnörkellos. Den Songs fehlte irgendwas. Also füllte ich die Lücken. Ich setzte Schlagzeugfills da ein, wo ich sie für nötig hielt. Jeder gute Schlagzeuger weiß, wo er Fills einsetzen sollte und wo nicht. Manche übertreiben es, und das ist nicht gut. Das sollte man nicht. Denn dann ruiniert man den Song. Man muss einfach gerade durchspielen und im richtigen Zeitpunkt sein Ding machen.

King Kraut: Interessant, dass Du vorhin Ringo Starr erwähntest, denn Ihr habt vielleicht etwas gemein: Es am Schlagzeug nicht zu übertreiben. Die BEATLES hätten als Band nicht funktioniert, hätte der Schlagzeuger sich zu sehr in den Vordergrund gespielt.

Marky Ramone: Ringo war perfekt für die BEATLES. Keith Moon war perfekt für THE WHO. Würde man Ringo zu THE WHO stecken, würde das nicht klappen. Würde man Keith Moon zu den BEATLES stecken, ginge es nicht. Man muss in der Lage sein, sich an die Band oder die Person, mit der man Musik spielt, anzupassen. Der Ansatz ist, sich anzupassen, statt an sich selbst zu denken. Das Gesamtbild im Auge zu haben.

King Kraut: Wo wir gerade vom technischen Gesichtspunkt reden, wie schwer fiel es Dir, auf das richtige Tempo zu kommen?

Marky Ramone: Es war etwas anderes. Es war keine körperliche Herausforderung, denn meine erste Band, DUST, war körperlich sehr fordernd. Damals spielte ich zehnminütige Schlagzeugsoli, mit den RAMONES nur Achtelnoten auf der Hi Hat, dem Ride-Becken und dem Stand Tom.
Gelegentlich spielten wir Songs in 2/4-Takt. Die Songs kamen Schlag auf Schlag, „OneTwoThreeFour!“. Jeder Song legte gleich los, es wurde kaum gesprochen. Das war der echte Unterschied. Wir spielten eine Stunde und fünfzehn oder zwanzig Minuten. Wenn man das eine Weile macht, wird es einfacher, wie bei allem. Es war also keine Herausforderung, es war nur eine Umstellung für mich.
Ich bekam ihr Album und eine Kassette von ihrem Live-Set. Ich musste 25 Lieder aus ihrem Live-Set und „Road to Ruin“ mit einem Ghettoblaster lernen, mit Kopfhörern, auf einem Übungsbrettchen, in zwei Wochen. Wir nahmen in New York „Road to Ruin“ auf und fingen an, live zu spielen. Erstes Konzert, fehlerfrei. Alle freuten sich, es war toll. Ich freute mich, diese Hürde überwunden zu haben. Denn beim ersten Auftritt fragt man sich immer, ob man es ordentlich hinbekommt. Ob man Fehler macht. Aber es gab keine. Also freuten sich alle. Was auch gut war, war dass Tommy der Produzent war. Er wusste also, wie man den guten Schlagzeugsound hinbekommt, und das war wichtig. Mit einem beschissenen Schlagzeugsound wird das ganze Album Scheiße. Ein gute Schlagzeuger macht nicht unbedingt eine gute Band aus. Aber ein schlechter Schlagzeuger kann die Band ruinieren, weißt du, was ich meine?

King Kraut: Das stimmt. Obwohl, die allerersten Elvis Presley-Aufnahmen waren sogar ohne Schlagzeug.

Marky Ramone: Weißt du, was auch gemacht wurde? Damals hat man auf einen Koffer geklopft. (Trommelt einen Rock 'n' Roll-Beat auf dem Tisch)

King Kraut: Es wurde auch auf den Kontrabass geklopft. Klar, ohne Schlagzeug kommt man aber in der Rockmusik nicht weit.

Marky Ramone: Nein. Man kann eine Symphonie spielen. Darin hast du aber meistens die Pauke und Becken. Aber man bekäme so nicht das, was man heute hat: Metal. Punk.

King Kraut: Wir haben über Musikstile geredet. Das erste Album von den RAMONES, das ich hörte, war „End of the Century“, das als Album wegen des Stils und Sounds zwischen den Alben herausragt. Weil ich mit 60er-Jahre-Musik groß geworden bin, ist mir direkt der Zusammenhang zwischen dieser und Punkrock auf jenem Album aufgefallen.

Marky Ramone: Da kam es her. BEACH BOYS, JAN & DEAN, instrumentale Surfmusik wie „Wipe Out“, THE TORNADOES und THE SURFARIS, und selbstverständlich mochten wir THE KINKS. Wir mochten die frühen THE WHO, aber wir mochten den Klang von Phil Spectors Girl Groups. Dann nimmt man sich einen Haufen Marshall-Verstärker, spielt schneller, und das ergibt die RAMONES.
Aber Phil Spector wollte uns produzieren. Er kam auf uns zu. Phil kam sonst nie auf jemanden zu. Aber er kam und wollte uns aufnehmen. Wir waren also sehr dankbar, dass jemand von seinem Kaliber die RAMONES aufnahm. Viele Punk-Puristen wollte wieder ein „Road to Ruin“ und „Rocket to Russia“ hören. Wieder und wieder. Das kann man nicht machen. Die Zeiten ändern sich. Es war also ein Versuch das aufeinandertreffen zweier „Walls of Sound“. Heute ist es beliebter denn je. Eine Menge Puristen mochten die Bläser, die Streicher, das Piano nicht, was auch immer Phil da untergemischt hat. Ich meine, es sind um die 35 Instrumente gleichzeitig zugange.

Als nächstes nahmen wir ein Album namens „Pleasant Dreams“ auf, das ich liebe. Es ist eines meiner Lieblings-RAMONES-Alben. Ich finde auf diesen Alben zeigten wir viel stärker unsere Einflüsse. Was wir mochten, wo wir herkamen, weißt du? Später, auf „Mondo Bizarro“ und „Adios Amigos“ kehrten wir zu unserem ursprünglichen Ziel zurück, nämlich drei Akkorde. Aber diese Alben waren sehr gut aufgenommen, mit guten Songs darauf. Die Aufnahmetechnik wurde besser. Auch wegen der Produktion, nicht nur wie wir spielten. Es gibt nicht nur Phil Spector, sondern auch den Produzenten Shadow Morton. Er hatte die SHANGRI-LAS, diesen Sound, weißt Du. Und einen Produzenten namens Shel Talmy, er hat THE KINKS und THE WHO gemacht. Die wussten immer, wie Sie den Sound hinbekommen. Daher respektierten wir wirklich den Produzenten, weil wir alle der Meinung waren, dass das wichtige die Produktion ist.

King Kraut: Habt Ihr darüber diskutiert, in welche Richtung Ihr euch stilistisch entwickeln wolltet?

Marky Ramone: Wir steuerten alle etwas bei, aber Joey und Dee Dee waren die Songwriter. Die Balladen, die Liebeslieder und die süßen Songs, das war Joey. Die härteren Songs waren von Dee Dee. Ich glaube, wenn du älter wirst, denkst du über Dinge nach, die du vor 10, 15 Jahren gemacht hast. Das wandten Sie auf die Alben an, die wir aufnahmen. Wir planten das nicht, es ergab sich einfach so. Ich spielte mein Schlagzeug ein, schlug vielleicht einen Anfang vor, fügte noch etwas zur Bridge hinzu, wo die Strophe in den Refrain übergeht.
Über Produzenten diskutierten wir nie. Wir hörten und ein Album an. „Weißt du was, der Typ ist gut, vielleicht arbeitet er ja an unserem nächsten Album. Fragen wir ihn mal.“ Dann rief Seymour, der Präsident von Sire Records ihn an und fragte, würdest du mit den RAMONES arbeiten. Wie Graham Gouldman von 10CC, mit „Pleasant Dreams“, da haben wir das so gemacht. Es war ganz einfach. Es gab keinen Plan.

King Kraut: Lass' uns den historischen Rahmen betrachten. Wenn man sich die New Yorker Punk-Szene ansieht, wo du herkommst, war diese musikalisch sehr vielfältig. Keine der Bands klang nach einer anderen. Dann explodierte der Punk in England.

Marky Ramone: Anderthalb Jahre später, ja.

King Kraut: Wirkte sich das wiederum später auf die amerikanische Punk-Musik aus?

Marky Ramone: Die Engländer sind sehr gut im kopieren von Musik. Ich meine das nicht abwertend. OK, zum Beispiel: Chuck Berry, Little Richard, Jerry Lee Lewis, Elvis Presley; als die herauskamen, war das die erste Welle. Dann hatte man die BEATLES und die STONES, die sie nachahmten. Diese und andere „British Invasion“-Bands wie die YARDBIRDS liebten den amerikanischen Blues. Dann kam '74 in Amerika die Punkszene. Da sagten die Briten, „Das gefällt mir, die RAMONES, Richard Hell, Patti Smith, TALKING HEADS, BLONDIE.“ Dann kopierten sie, was wir machten. Und mischten noch die Sache mit der Anarchie unter. Die Politik, weißt Du. Das ist der Unterschied zwischen britischem und amerikanischem Punk: Der amerikanische war etwas mehr nach dem Motto: „Lasst uns eine schöne Zeit miteinander verbringen. Lasst uns Spaß haben. Wir wollen unsere Probleme vergessen.“ In England hingegen: „Wir wollen die Regierung stürzen!“ Wegen der damaligen wirtschaftlichen Lage.
Sie „lebten auf der Scholle“. In Amerika heißt das Wohlfahrt, Sozialhilfe. Amerika war in schlechtem Zustand. Wir hatten eben erst den Vietnamkrieg irgendwie verloren. Amerika war in einer miesen wirtschaftlichen Lage. In New York gab es Morde, Gangs und Obdachlose in den Straßen. Es war schlimm. Das war uns bewusst. Aber wir wussten auch, dass man im Leben auch Spaß braucht. Man kann nicht immer die ganze Zeit depressiv sein. Das war also unsere Absicht: Vorübergehend für Spaß zu sorgen. Das war der Unterschied zwischen England und Amerika. Aber die Engländer haben sich bei der amerikanischen Punkszene bedient.
Es ist mit der Musik wie ein Kreislauf, weißt Du? Die zweite Welle waren also die Engländer. Die Punkszene kam in Amerika auf. Dann die Punkszene in England. Dann später kam Grunge. Dann gab es wieder ein Punk-Revival, GREEN DAY und OFFSPRING. Danach kam wer-weiß-was. Dance Music, Elektronische Musik, egal. Es ist für jeden etwas dabei.

King Kraut: Von allen new yorker Punkbands hatten die RAMONES den beständigsten Einfluss auf den Sound von Punkrock. Gab es einen Moment, an dem Ihr das distanziert betrachtet habt und dachtet: Wir haben die Blaupause für eine Musikrichtung geschaffen?

Marky Ramone: Wir habe nie darüber nachgedacht. Wir spielten einfach und waren froh, dass andere Bands unseren Einfluss aufnahmen. Es fühlt sich toll an, wenn all diese Musiker und Fans lieben, was wir machen. Wenn ich eine Band höre, will ich unmittelbar erkennen ob sie es ist, durch ihren Stil. In dem Moment, wo man die RAMONES hört, weiß man, sie sind's! Das macht uns vermutlich bis heute so beliebt. Ich glaube es sind der Inhalt von Texten, die Energie von Musik, die die Jugend ansprechen.

King Kraut: Ich war in Brasilien und fand es unglaublich, wie beliebt die RAMONES in Lateinamerika sind. Hast Du eine Vermutung, warum das so ist?

Marky Ramone: Unfassbar. Ich denke, es hängt mit dem Namen „Ramone“ zusammen. Das ist ein Latino-Name. Ich denke, es ist der Latino-Name und, wie gesagt, unsere Texte und unsere Energie. Das packt man alles zusammen und, hey, es sind „los Ramones“! Aber das ist nicht der richtige Nachname. Das ist nur ein Name, den wir uns zugelegt haben. Sie haben also etwas gesehen, das sie liebten und weiterhin liebten. Manchmal ist es echt schwer zu analysieren, warum.

Marion: Vielleicht auch wegen der Kleidung. Die ist nicht teuer, sie waren nicht aufgebrezelt. Sie waren so gekleidet, wie ein normaler Jugendlicher in Südamerika. Deshalb identifizierten sie sich mit ihnen, denke ich. Weißt Du, sie kamen einfach an mit ihren Jeans und Turnschuhen und T-Shirts. Das war kein großer Rockstar-Aufzug.

Marky Ramone: Wir mochten dieses Gehabe nicht: „Hey, wie geht es Euch allen? Heute wollen wir Party machen! Wir wollen Euch jubeln hören!“ Lauter Bands tun eben das, ich glaube, der Grund ist: Sie holen sich so ihre Energie. Diesen Kram mochten wir nicht, wir spielten einfach. Wir zählten nur jedes Lied mit 1-2-3-4 ein. Weil wir Klischees nicht mögen. Vielleicht ist das ein weiterer Grund, warum viele Jugendliche und die Leute damals uns mochten. Es war nicht dieser typische abgedroschene Blödsinn, weißt Du?

King Kraut: Ich habe dich nach deiner Motivation, als Du anfingst, gefragt. Es gibt die RAMONES nicht mehr, aber du machst weiter Musik, richtig?

Marky Ramone: Oh ja, ich halte das Vermächtnis am Leben, indem ich 35 RAMONES-Stücke auf der ganzen Welt spiele. Da gibt es eine ganz neue Generation. Und ich finde die Lieder zu gut, um sie nicht zu spielen. Die Leute mögen es, jemanden aus der Punkszene der Siebziger Jahre zu sehen. Und von den RAMONES, nach wie vor lebendig, der diese Musik weiter spielt. Bei den Bandmitgliedern stelle ich sicher, dass sie extrem auf den Punkt spielen.Und dass der Sänger kein „Joey-Klon“ ist. Sie sollen sich so ausdrücken, wie sie es fühlen. Und sie müssen zuallererst Fans sein. Sie müssen sich die Alben angehört haben, die Band kennen und wirklich losgezogen sein, um die Alben zu kaufen. Ich habe das ein paar Jahre mit Andrew W.K. gemacht, und mit Michale Graves, der Frontmann und Songschreiber bei den MISFITS gewesen ist. Und es war großartig. Es macht einfach immer Spaß, die Songs zu spielen. Aber ich muss sichergehen, dass ich sie so gut spiele wie 1978, und das tue ich. Wenn das aufhört, dann kann ich es nicht mehr. Man muss gut bleiben und versuchen, besser zu werden.

King Kraut: Hast Du den Wunsch, der Musik etwas neues hinzuzufügen?

Marky Ramone: Ich habe zwei neue Alben gemacht, nachdem die RAMONES sich auflösten. Dreißig eigene Songs, die ich geschrieben hatte, die ich auf einer CD herausbrachte. Aber als ich damit auftrat, fingen die Kids an zu rufen: „Sheena Is a Punk Rocker! Blitzkrieg Bop! I Wanna Be Sedated! Rock 'n' Roll High School!”
Da wusste ich, dass ich nichts auf der Welt tun konnte, außer die RAMONES-Songs zu spielen. Denn die wollten sie hören. Also gut, ich liebe es, sie zu spielen, und wenn ihr sie hören wollt, dann spiele ich sie. Das tat ich damals, und das tue ich heute.

King Kraut: Danke für das Interview. Möchtest du noch etwas an unsere Leser loswerden?

Marky Ramone: Rogers ist die beste Schlagzeugmarke.

Bilder

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2 Kommentare

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King Kraut
Geschrieben am 24.11.2015, 20:52 Uhr
Freut mich. Für mich war es vor allem interessant zu sehen, dass der Mann eigentlich viel mehr kann und auch zu erzählen hat als seine Ramones-Vergangenheit. Zieh dir mal DUST bzw. die VOIDOIDS rein. Trotzdem macht er aus reiner Überzeugung seinen schlichten Beat über 30 Jahre lang. Und auch im Gespräch war er angenehm geerdet, obwohl ich nur so'n Kraut von 'nem Webzine bin und er auf ewig in der Musikgeschichte eingemeißelt ist.

__________________
Der Endgegner ist nicht gut für dich!


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MC GAudibuizn
Geschrieben am 23.11.2015, 23:18 Uhr
Respekt...sehr geiles und informatives Interview. Hat sehr viel Spaß gemacht zu lesen.

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