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Borrachos - Bomben für den Frieden

Borrachos - Bomben für den Frieden

Sonstiges DIY 11.09.2013
  3 / 10

„Weniger ist mehr“, „Heißkalt“ oder „Rasender Stillstand“ sind Oxymora, die wir aus unserem Sprachgebrauch kennen. Oxymoron: Ein rhetorische Figur, bei der eine Formulierung aus zwei gegensätzlichen, einander (scheinbar) widersprechenden oder sich gegenseitig ausschließenden Begriffen gebildet wird [danke, Wikipedia]. Das Oxymoron, um welches es hier geht lautet „Bomben für den Frieden“, ist der Titel eines Albums und stammt von der Band BORRACHOS aus Mönchengladbach. Am 11. September diesen Jahres erschien deren drittes Studioalbum, welches sie auf ihrer Homepage in für sie altgewohnter Manier zum kostenfreien Download anbieten. Für die Band ist es die dritte mp3-Langspiel-Veröffentlichung ihres nunmehr 10-jährigen Bestehens. 18 Songs hat das Album, ist dem Genre Punkrock bis Funpunk einzuordnen.

Schaue ich mir den Pressetext der Band an, haben wir es hier mit vier Männern zu tun, die sich sehr witzig finden und dabei zeitweise überaus flachen Humor verfechten. „Wer es schafft, einen Reim auf Kamasutra zu finden, der hat schon ziemlich dicke Eier!“ Noch ein kleiner Zusatz: Wir haben es hier also mit vier Männern zu tun, die nicht nur „extrem lustig“ sind, sondern auch noch „dicke Eier“ haben. Gut zu wissen. Leider handelt es sich bei den BORRACHOS aber nicht um einen Satire-Humor der Preisklasse EISENPIMMEL, sondern um eine Band, die sich durchaus ernst nimmt und zeitweise auch sozial- und gesellschaftskritische Töne auf ihrer neuen Veröffentlichung verlauten lässt (beziehungsweise dies versucht).

Vom ersten Hören her fällt mir auf, dass sich die BORRACHOS seit ihrer letzten mp3-Langspieler-Veröffentlichung „Punkrock für lau“ verändert haben. Erstmal klingt „Bomben für den Frieden“ sehr sauber, professionell und drückt daher nett in die Magengegend (kann sein, dass es bei „Punkrock für lau“ auch schon so war, weiß ich nicht mehr). Zusätzlich hat die Band auf jeden Fall einen guten Schritt nach vorne getan; die Texte klingen zum Glück nicht mehr alle wie aus dem Tagebuch eines debilen 16-Jährigen, sondern haben streckenweise einen passablen Anspruch (ad hoc habe ich von „Punkrock für lau“ ein Lied im Ohr mit dem Refrain „Ich werd´ Pornostar so wie Opa – ficken vor der Kamera find´ ich super“ … ich denke, das kann ich unkommentiert so stehen lassen). Und auch das Songwriting ist ausgefeilter geworden. Die Songs klingen beim schnellen Durchhören großteils sehr schön melodiös mit kleinen, feinen Solis und abwechslungsreichen Parts. Sympathisch auch, dass die Band sich mit dem Zusatz DIY schmückt, was doch (hoffentlich) bedeutet, dass sie sich in mühevoller Heimarbeit das Wissen um jenes professionelle Recorden, Mixen und Mastern selbst angeeignet haben.

Inhaltlich ist das Album enttäuschend. Das erste Lied des Albums mit dem namensgebenden Titel „Bomben für den Frieden“ ist eine Aneinanderreihung von Stereotypen. Banker sind doof - RTL auch - die Industrie verkauft uns alle für dumm - Rassismus wird es weiter geben - Priester werden auch weiter kleine Kinder ficken - ... Und dennoch hüllen sich alle in Schweigen. Aber tadaa: Da kommen die BORRACHOS daher, die uns alle erlösen werden, denn sie werfen „Bomben für den Frieden“. Rütteln uns alle auf. Zeigen Flagge. Heben die Faust. Schicken den Übeltätern die Rechnung. Olé olé olé! Ich bin so frei und tue das mal mit einem Lächeln ab. Zumal wenn ich mir anschaue, wie sich die Band im Internet präsentiert. Von jener Weltverbesserungs-Attitüde finde ich da nichts.

Nach jenem plakativen Einstieg geht es für die Band ab Lied 2 („Alles, was ich kann“) zurück zu dem Stil, wie ich ihn noch von „Punkrock für lau“ kenne. Spaßpunk. Nicht mehr und nicht weniger. Texte darüber, dass der Sänger für alles zu dämlich sei, außer in einer Punkband zu spielen / dass Alltagsprobleme Dich daran hindern, zu sein, was Du sein willst („Du wärst so gern wie Che Guevara - Rebellieren statt Onanieren“) / dass Kevin ein braver Junge ist, aber aus der Unterschied kommt und daher gesellschaftlich keine Chance hat (aha, wieder ein paar sozialkritische Töne) / dass Du Dir selbst treu bleiben sollst (Lied „Typ Ich“) / dass sie Schuhe kaufen will, er aber einen „Ritt zu Dritt“ mit ihr und ihrer Schwester (Lied „Ritt zu dritt“)...

Jaja, kenn´ ich, weiß ich, will ich nicht mehr hören: „Wer Du sein willst, weißt nur Du allein ... Du wünschst, Du könntest jemand Anders sein ...“ (Refrain Lied „Fahnenflucht“). Da stehen echt in meinem Kalender in der Küche bessere Sprüche oder in jedem chinesischen Glückskeks (Wäre das eine Idee für eine Band: Glückskekstexte vertonen?!). Wenigstens einige dem Versuch nach ernst zu nehmende Lieder finden sich auf dem Album wie das gesellschaftskritische „Zweitausenddrölf“ oder das kirchenkritische „Gottes Kinder“.

Die BORRACHOS haben sich seit „Punkrock für lau“ auf jeden Fall weiter entwickelt, sind etwas (!) reifer geworden, das Songwriting ist jetzt ausgefeilter, es warten hübsche Melodien und Solis auf. Wenn sie dieser musikalischen Entwicklung jetzt auch noch ein Nachhilfekurs im „Texte schreiben“ folgen lassen, dann bin ich gespannt auf das nächste Album. Für lau kann ich mir das mp3-Album gerade noch anhören. Längerfristig wird es in meiner Playliste nicht laufen. Dafür ist es mir schlichtweg zu einfallslos und platt. Selbst die nicht-Funpunk-Lieder erfüllen gerade mal den Status von Klischee-Punksongs. Okay, bei einem Song musste ich schmunzeln. Mit „Aus dem Tagebuch eines Cowboys“ (ob der Titel wohl von den ärzten, „Aus dem Tagebuch eines Amokläufers“, abgeschaut ist?) zeigt die Band, dass sie durchaus Humor haben kann. Schade, dass bei einer Band, die das halbe Album mit Funpunk-Songs füllt, lediglich ein Song amüsant ist. Dass Bands nämlich witzig sein können, ohne peinlich zu sein, beweisen beispielsweise CHEFDENKER immer wieder. Mir tut es leid um meinen Speicherplatz auf meinem PC und ich werde „Bomben für den Frieden“ gleich wieder löschen.

Aber was sicher am besten ist: Sich nicht auf mein Urteil verlassen, sondern selbst reinhören: http://punkrock.borrachos.de

Anspieltipp: „Typ ich“

Delete-Tipp: „Ritt zu dritt“


Geschrieben von Chris am 08.11.2013, 14:56 Uhr


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1 Kommentar

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Besucher1 (unregistriert)
Geschrieben am 13.11.2013, 14:17 Uhr

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