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Broilers - Ich will hier nicht sein - Video
Weitere Informationen:
http://youtu.be/qKTDxF1JENg
http://www.broilers.de/
Eigentlich wollte ich gern über die aktuelle Single-Auskopplung der BROILERS schreiben, da aber anscheinend die Promo-Exemplare vergriffen sind, will ich mich auf das dazugehörige Video von Johannes Grebert beziehen, denn das ist sehenswert. Was die BROILERS für Musik machen, interessiert mich ohnehin nicht besonders. Bestimmt keine schlechte Band, aber bis jetzt konnte ich trotz eines Konzertbesuchs im Rahmen eines Festivals und gelegentlichen Reinhörens bei diesem neuen Chartstürmer nicht wirklich die Motivation entwickeln, mich da weiter hinein zu vertiefen. Wer darauf steht, hat sich eh schon das Album besorgt und kennt das Lied.
Anders verhält es sich mit dem Thema, was sie in ihrem Song „Ich will hier nicht sein“ anschneiden. Der Hass, der (nicht nur) hierzulande Ausländern allgemein und Flüchtlingen insbesondere entgegenschlägt, zeugt von einer Niedertracht, die mich an der Überlegenheit der Spezies Mensch gegenüber der Stubenfliege stark Zweifeln lässt. Neben den Primaten und Kriminellen, welche sich bereitwillig im Neonazi-Spektrum bewegen, verfallen auch „normale“ Leute, die es eigentlich besser wissen sollten, den stupidesten Rattenfängern, wenn diese nur ein Bisschen in Krisenzeiten an ihren Ängsten und egoistischen Gefühlen kitzeln. Szenen wie vor dem Flüchtlingsheim in Hellersdorf sind leider nicht nur seit langem wieder möglich, sie werden auch zunehmen.
Ich brauche das nicht weit auszuführen, wer die politische Realität unserer Zeit verfolgt, kann kaum den Aufstieg von Rechtspopulismus bis hin zur gezielten Förderung mörderischer Neonazi-Banden aus Staatsgeldern übersehen. Antifaschistische Musiker hingegen werden bekämpft und als Gefahr für die Demokratie gebrandmarkt, und damit wären wir wieder beim Thema: Punkrock und Politik.
Beides gehört zusammen, keine Frage, und beides Dinge können im besten Fall voneinander profitieren. Das heißt eher nicht, dass ich nur Liedtexte hören will, die mir gerade den aktuellen Forderungskatalog der linken Bewegungen in den Refrain packen. Das mag bei TON, STEINE, SCHERBEN und SLIME knallen wie ein aufprallender Pflasterstein, bei zahllosen Nachahmern wirkt es einfallslos. Dann gibt es noch das andere Extrem, wenn Bands sich in einem studentischen Politjargon vergraben, der im schlechtesten Fall für einen unbedarften Hörer unzugänglich ist (das nennt man Exklusion durch Sprache).
Meine Befürchtung war: OK; wieder eine Band, die mir sagt, dass Rassismus schlecht ist. Klar, das hat auch diesmal aufgrund der offensichtlichen Absicht etwas lehrerhaftes. Das lässt sich nicht vermeiden, wenn man in so komprimierter Form eine Botschaft vermitteln will, dennoch ist die Herangehensweise hier eine andere.
Daher fand ich das Video in Verbindung mit dem Song „Ich will hier nicht sein“ so bemerkenswert, und ja, mich hat es in einer Weise berührt, wie es Musik und Kunst im besten Fall sollen. Ein Video, das den Menschen, um die es geht, ein Gesicht gibt. Es wurden Menschen aus zwei verschiedenen Asylantenheimen in Berlin gefilmt, um einen Einblick in ihre persönliche Lebens- und Leidensgeschichte zu geben. Und die Musik tritt im richtigen Moment in den Hintergrund, um jene zu Wort kommen zu lassen.
Ist schon jemandem aufgefallen, wie viele der Debatten zum Thema letztlich um „uns“ drehen? Uns, „die Deutschen“? Wie rassistisch die Deutschen sind, wie antirassistisch wir persönlich dennoch sind, wie so etwas in unserem Land passieren kann, ob wir uns trotz Holocaust gern mal bei Fußballschauen schwarz-rot-geil fühlen sollten, wie wir ja wohl auch nicht nationalistischer sind als all die anderen etc. etc. Wir, wir, wir.
Das ist alles nur reine Masturbation der Artikelschreiber, Redner und ihr Publikum. Für die Opfer interessiert sich meist keiner. Dann noch eher für die Neonazis, lieber ein vertrautes Feindbild aus der Nachbarschaft, als sich mit dem Unbekannten auseinanderzusetzen.
Glaubt jemand, das hälfe einem Menschen, der gerade aktiv oder passiv aus diesem Wir-Gefühl ausgeschlossen wird, indem ihm zum Beispiel eine erschreckende Masse an Vollidioten zu verstehen gibt, dass er Aufgrund seiner Herkunft lieber sterben sollte, als in ihrer Nähe zu wohnen?
Musik vermag Gefühle und Botschaften in einer einzigartigen Weise zu vermitteln, und dieser sehr mainstreamige Punkrock dürfte bei Stammhörern der BROILERS mitten ins Herz treffen. Ich selbst bin erstmals durch die Platte „Kauf Mich!“ der TOTEN HOSEN unmittelbar auf die Nazi-Problematik aufmerksam geworden, und gerade wenn die Karriere der BROILERS inzwischen gewisse Parallelen zu den Düsseldorfer Rockstar-Kollegen aufweist, finde ich es richtig, in dieser Hinsicht noch mal nachzulegen. Zumal ja parallel dazu durch andere Bands gerade dick Kasse gemacht wird mit Nationalstolz als Identifikationsangebot. Kotz.
Die Idee, diejenigen, denen man die Menschlichkeit raubt, wieder als Menschen mit Familie, Geschichte und Individualität zu porträtieren, ist so einfach wie sie diesen Beitrag zum Thema herausragend macht. Der Blickwinkel ist der Clou. Zieht euch das Video rein und empfehlt es weiter, wenn es euch gefällt, hier geht es um ein wichtiges Thema.
Eine kleine Anmerkung noch am Rande sei noch erlaubt. Der Ankündigungsext zum Video enthält ironischerweise diesen Hinweis: „[...]Johannes Grebert erhielt 2009 den Echo für das “Beste Video National“ […].“ Ah, national, Echo, ist das nicht die Veranstaltung, die sich so schwer damit tut, Rechtsrockbands auszuladen? Liebe Broilers, die für euch zuständige Werbeabteilung bei Universal hat da etwas ganz und gar nicht kapiert.
Geschrieben von King Kraut am 12.06.2014, 11:22 Uhr
Medien
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